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13

Dez

2013

Wie der Erfinder der gelben Klebezettel mein Buchprojekt rettete

Ein Gastartikel von Susanne Krejsa MacManus

susanne krejsa

Moderne Märchen lauten so: Auf der Suche nach Stoff für ein Buch stößt man in einer dunklen Ecke – typischerweise am Dachboden oder im Keller – auf einen alten Koffer. Staub, Spinnweben und ein kaputtes Schloss sind unentbehrliche Requisiten für dieses Szenario. Irgendwie kriegt man den Koffer auch auf. Drin ist – nein, falsch geraten! – kein Goldschatz, sondern ein verschnürtes Bündel Briefe und vergilbte Fotos, natürlich chronologisch geordnet und ordentlich beschriftet, gerne auch ein Tagebuch. Daraus entsteht in nur einjähriger Arbeit ein Buch, das Licht auf bisher gänzlich unbekannte Fakten wirft und in keiner Bibliothek fehlen darf.

Schön wär’s! In Wirklichkeit spielt es sich ganz anders ab: Was man findet, sind selten komplette Konvolute, sondern ein Einzelstück hier und ein anderes da, manches interessant, vieles trivial, und bis sie sich zu einem Bild zusammensetzen lassen, muss man ordentlich Arbeit hineinstecken. Aber jeder neue Puzzleteil ist ein kleiner Triumph, aufregend und erzählenswert, beflügelt die Fantasie und lockt auf neue Fährten. Irgendwann taucht der Gedanke auf, ein Buch daraus zu machen.

Nicht gesucht, sondern drüber gestolpert

Genauso ist es mir gegangen: Bei der Arbeit an einer Firmengeschichte in Norddeutschland wühlte ich mich im Archiv durch Stapel von Korrespondenz. Mittendrin ein einzelnes Blatt, schlecht kopiert, undeutlich zu lesen, von unbekannter Hand unterschrieben, aber wenigstens datiert: 3. September 1945. Darin ging es um eine Flucht, letzte Lebenswochen und schließlich den Tod eines Mannes, von dem ich noch nie gehört hatte: Helmut Pfeiffer.

Weil mich die Schilderung anrührte, unterbrach ich meine Arbeit, um kurz nach ihm zu googeln. Anschließend wollte ich mich wieder meinem eigentlichen Thema zuwenden. Fehlanzeige! Nichts zu finden! Nun hatte es mich doch gepackt, denn was ich über ihn gelesen hatte, war dramatisch: Pfeiffer galt als politisch unzuverlässig, weil er Juden und anderen Verfolgten geholfen habe. "Wegen der sich hieraus ergebenden Gefahr" habe er kurz vor Kriegsende die Flucht über Dänemark nach Schweden versucht, gemeinsam mit mehreren anderen. Das Fischerboot sei entdeckt und die Gruppe zurück nach Kopenhagen gebracht worden.

"Ich habe gehört, dass [er] […] hingerichtet werden sollte. Nach der Nacht vom 16. auf den 17. April wurde er mit schweren Kopfverletzungen tot in seiner Zelle aufgefunden. […] Ich habe keine genaue Nachricht darüber, ob Herr Dr. Pfeiffer sich selbst umgebracht hat, oder gewaltsam in seiner Zelle getötet worden ist. Eines sowohl als auch das andere wäre möglich. Wir anderen […] sollten am 25. April erschossen werden. Hierzu ist es jedoch infolge der sich überstürzenden Kriegsereignisse nicht mehr gekommen." So hatte ich es auf dem Blatt gelesen.

Talent reicht nicht: Die Hausaufgaben müssen gemacht werden

"Auf kleinem Feuer" kochte ich die Suche nach Pfeiffer neben meiner eigentlichen Arbeit weiter. Schritt für Schritt kamen einige Informationen zusammen. An jedem Abend schrieb ich eine lange E-Mail nach Hause und berichtete meinem Mann in Wien, was man halt so nach langen Tagen im Archiv zu erzählen hat.

Das war mein Glück: Denn durch das Aufschreiben war bald zu erkennen, dass die Geschichte spannend wurde. Ich legte in meinem Computer einen eigenen Ordner für alle E-Mails an, die Pfeiffer zum Inhalt hatten, und begann außerdem, ein Arbeitstagebuch zu führen.

Weiterhin kopierte ich alle Dokumente, die etwas mit Pfeiffers Geschichte zu tun haben konnten. Ich erzähle das hier so ausführlich, weil man sich den tollsten Plot und das größte schriftstellerische Talent vermasselt, wenn man bei den "Hausaufgaben" – sprich: der Organisation – schludert. Das Konzept "Ich ordne das später" passt nur für Masochisten: In Windeseile hat man den Überblick verloren, ruft zum zweiten Mal an, wo man schon längst fündig geworden war, vergisst die Herkunft von Dokumenten zu notieren und strudelt sich blitzartig in einen ordentlichen Schlamassel.

Ändern ist erfahrungsgemäß einfacher als ewig herumsuchen

Gerade bei Forschungen über eine lange Zeitspanne bewährt sich die Ablage nach Jahren und gegebenenfalls innerhalb des Jahres nach genauem Datum. Was nicht näher zuordenbar ist, kommt an den Anfang des jeweiligen Jahres. Schwierig wird es bei Dokumenten oder Zusatzinformationen, die sich über mehrere Jahre erstrecken. Ich lege sie dort ab, wo sie zeitlich beginnen. Im Zuge des Schreibens werden sie dann durch die Jahre mitgenommen.

 

Ordner sollen beschriftet und Zwischenblätter eingefügt werden. Klingt banal, wird aber oft vernachlässigt, "weil ich ja noch nicht weiß, was kommt". Ändern ist erfahrungsgemäß einfacher als ewig herumsuchen.

 

Besonders empfehle ich den Gebrauch der wieder ablösbaren gelben Klebezettel. Ihren Erfinder würde ich gerne für den nächsten Nobelpreis vorschlagen! Schreiben Sie darauf, was Sie sich zu einem Dokument gedacht haben, welche Fragen Ihnen dazu durch den Kopf gehen, was Ihre nächsten Schritte sein sollen etc. Man glaubt gar nicht, wie schnell man alles dieses vergessen hat, wenn man seine Arbeit auch nur für einige Tage unterbrechen musste. Nach einer Woche Skiurlaub sitzt man fassungslos vor seinen Unterlagen und muss sich sehr anstrengen, den Faden wieder zu finden.

 

Und schließlich: Nützen Sie die Fotofunktion Ihres Handys als Notizbuch oder nehmen Sie auf Schritt und Tritt eine Kamera mit. Ich fotografiere einfach alles: Eingänge zum Archiv, Tafeln mit den Öffnungszeiten, die Außenseite von Dokumentenschachteln und -mappen, Bestellscheine, Arbeitsplätze und sogar Garderobenkästchen!

Helmut Pfeiffers Schicksal hat mich in mehrere Länder geführt, in einigen habe ich die Sprache nicht verstanden und Hinweisschilder nur mühsam entziffert. Meine Fotos haben meiner Erinnerung auf die Sprünge geholfen und mir viele Frustrationen und Irrwege erspart: Gibt es im Dänischen Nationalarchiv einen Münzwechsler für den Garderobenspind? Wie sind die Öffnungszeiten der Cafeteria im Prager Stadtarchiv? In welchem Archiv werden Dokumente auf diese spezielle Art zusammengeklammert?

Ein bisschen Qual gehört dazu

Apropos Archive: Ich muss zugeben, dass sich die Stunden vor Findbüchern und Datenbanken endlos hinziehen können. Der Popo schmerzt, der Kopf wird schwer, die Augen fallen zu. Man weiß bald nicht mehr, nach welchen Stichworten man schon gesucht hat. Zum Schluss dröhnt einem der Kopf. Da man in Datenbanken bekanntlich ganz schnell vom Weg abkommt, hilft nur eines: ein Blatt Papier, auf dem man seine Suchwörter notiert, und zwar mit Datum. Denn man wird täglich klüger und nimmt neue Suchwörter auf, kann aber hinterher nicht mehr sagen, wann man welche Datenbank nach welchen Stichworten durchgearbeitet hat.

Jetzt kommt Trost

Wenn ich hier meine guten Ratschläge verbreite, dann können Sie sicher sein, dass ich sie mir hart erarbeitet habe. Nach vier Jahren war mein Buch fertig. "Spurensuche: Der NS-Anwalt und Judenretter Helmut Pfeiffer" erzählt die Geschichte meiner Suche, meines Findens und Nicht-Findens, meiner Höhenflüge und bitteren Tränen, meiner Suchstrategien und Zufälle, meiner Antworten und meiner weiterhin ungelösten Fragen. Ich habe neue Orte kennen gelernt, neue Freunde gefunden, war in einem Gefängnis, habe das Meer gesehen, bin im Novemberregen über Friedhöfe gelaufen und habe eine amtliche Alarmanlage lahm gelegt. Alles für ein Buch!

 

Susanne Krejsa MacManus: Spurensuche – Der NS-Anwalt und Judenretter Helmut Pfeiffer, Berlin: Vergangenheitsverlag, 2011, ISBN 978-3-86408-003-6, Euro 18,90

Website von Dr. Susanne Krejsa MacManus

 

       

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