Mo

13

Jan

2014

Interview mit der Schreibberaterin Elke Rajal

Vor ein paar Wochen habe ich am Schreibzentrum der FH Wien (WKW) einen Workshop zum Thema "Schreiben für Social Media" gehalten. Bei dieser Gelegenheit habe ich Elke Rajal kennengelernt, die am Schreibzentrum tätig ist und – zusammen mit Regina Fenzl – Studierende bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten unterstützt. In dem Interview habe ich Elke Rajal nach den Zielen und Angeboten des Schreibzentrums gefragt. Außerdem wollte ich natürlich wissen, mit welchen Schwierigkeiten Studierende zu ihr kommen und wie sie Schreibberaterin geworden ist.

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© FHWien der WKW - Philipp Tomsich

Elke, seit wann gibt es das Schreibzentrum an der FH Wien der WKW und was sind seine Ziele?

 

Das Schreibzentrum wurde im Herbst 2012 als erstes Schreibzentrum an einer österreichischen Fachhochschule gegründet. Nach einer Konzeptionierungsphase haben wir dann im Februar 2013 mit den ersten Angeboten für Studierende gestartet. Seit Sommer/Herbst 2013 läuft das Schreibzentrum im Vollbetrieb und bietet individuelle Beratungen, Workshop-Reihen, Schreibwerkstätten und Abendveranstaltungen an.

Ziel ist es, Studierende in ihrem Schreibprozess zu begleiten, zu unterstützen und ihnen Mut zu machen. Wissenschaftliche Abschlussarbeiten sollen keine unüberwindbare Hürde sein, nicht für Menschen mit einer anderen Muttersprache als der deutschen, nicht für berufstätige Studierende und auch nicht für alle anderen.

Mit dem Schreibzentrum versuchen wir ein Zusatzangebot für die Studierenden zu etablieren, das gut genützt wird und von der Hochschule nicht mehr wegzudenken ist.

Wie sehen die Rahmenbedingungen des Projekts aus?

Unser Schreibzentrum wird derzeit durch eine Projektförderung der Magistratsabteilung 23 der Stadt Wien und Eigenmittel der FH finanziert und hat eine Laufzeit von 5 Jahren. Wir sind eine Vollzeit- und eine Teilzeitmitarbeiterin. Meine Kollegin Regina Fenzl leitet das Projekt, ich bin Projektmitarbeiterin. Zusätzlich beschäftigen wir ein paar externe Lehrende und TutorInnen, die für uns Workshops und Schreibwerkstätten abhalten. Nach den 5 Jahren werden wir weitersehen, ob das Schreibzentrum sich gut etablieren konnte und weiterfinanziert wird.

Was sind deiner Meinung nach die häufigsten Schwierigkeiten, mit denen Studierende kämpfen? Wie kommt es zu den Problemen und welche Lösungen habt ihr dafür?

Die Anliegen, mit denen Studierende zu uns kommen, sind sehr unterschiedlich.

Anfangs kamen besonders viele Studierende mit Schwierigkeiten beim Zitieren zu uns. Ihnen war die Sinnhaftigkeit der Quellenbelege nicht klar und sie waren von der Vielzahl der Regeln komplett verwirrt.

Das liegt daran, dass wissenschaftliches Schreiben im Unterricht viel zu oft auf die Vermittlung eines Regelwerks beschränkt bleibt. Dieses wird oft als langweilig und unnütz verstanden – eine Art Klotz am Bein. Wichtiger wäre, den Umgang mit Quellen allgemein zu erarbeiten und dann zu üben, zu üben und nochmal zu üben. Regeln kann man in einer guten Anleitung nachlesen.

Mittlerweile kommen allerdings mehr Studierende zu uns mit Fragen wie zum Beispiel: Wie plane ich meine Arbeit? Passt die Forschungsfrage? Ist der Aufbau der Arbeit gut? Wodurch entsteht ein roter Faden? Wie verpacke ich meine Forschungsergebnisse in einen Text? Ist der Stil wissenschaftlich?

Manche haben auch eine Schreibblockade. Blockaden treten nicht nur bei Überlastung auf, sondern oft aufgrund von negativen biographischen Prägungen, was das Schreiben anbelangt. Dann besprechen wir den individuellen Zugang zum Schreiben, leiten zur Auflockerung kreative Schreibübungen an und versuchen mit den Studierenden neue Schreibstrategien zu entwickeln.

Andere sind auch schlichtweg überfordert mit dem Arbeitspensum, das sie sich aufgehalst haben und suchen deshalb Rat. An unserer Fachhochschule studieren die Allermeisten ja berufsbegleitend. Dann gilt es die zur Verfügung stehenden Ressourcen zu besprechen, gemeinsam einen Arbeitsplan zu entwickeln und eine realistische Zeitplanung zu entwerfen.

Welche Unterstützung bietet ihr an?

In den individuellen Beratungen können Dinge vertraulich mit einer Person besprochen werden, die nicht für das jeweilige Institut tätig ist und die nicht benotet. Es kann unmittelbar an den individuellen Problemen angesetzt werden und am jeweiligen Text. Wir bieten auch Feedback auf Textteile von maximal 15 Seiten an.

Mit den Workshops und Schreibwerkstätten wird Vertiefung und Ergänzung zu den bereits bestehenden Angeboten in den Studiengängen geschaffen. Hier wird nicht nur vermittelt, sondern auch geübt und es besteht die Möglichkeit des Austauschs untereinander. Oft hilft es den Studierenden schon enorm, wenn sie in einer ungezwungenen Atmosphäre mit KollegInnen Tipps austauschen können.

Gibt es deiner Meinung nach so etwas wie „Hilfe zur Selbsthilfe“?

Also, was können Studierende tun, wenn es an ihrer Uni oder FH kein Schreibzentrum gibt?

Ich rate Studierenden immer wieder zur Lektüre von guten Schreibratgebern. Ich denke da an AutorInnen wie Judith Wolfsberger, Otto Kruse, Helga Esselborn-Krumbiegel oder den guten alten Umberto Eco. So ein Buch sollte ganz am Anfang des Studiums bereits gelesen werden und dann vor Beginn der Abschlussarbeit noch einmal.

Zudem kann mit dem/der BetreuerIn besprochen werden, welche Art von Unterstützung und Feedback er/sie anbietet. Es kann gemeinsam mit StudienkollegInnen eine Schreibgruppe gegründet werden, in der man sich motiviert, austauscht und Texte gegenliest. Natürlich gibt es auch kostenpflichtige Angebote im Bereich Schreibcoaching, die sich manche leisten können, andere nicht. Daher sollte auch die Forderung an die eigene Hochschule gestellt werden, langfristig ein Schreibzentrum einzurichten.

Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass viele Lehrende zwar die Probleme sehen, mit denen Studierende kämpfen, aber nicht die richtigen Hebel kennen, um sie zu unterstützen. Wie siehst du das

Es kann gut sein, dass viele Lehrende nicht die richtigen Hebel kennen, weil ihnen schlichtweg Wissen im Bereich der Schreibdidaktik fehlt. Schreiben war ja lange Zeit ein vernachlässigter Aspekt wissenschaftlichen Arbeitens, weil man dachte, das muss man können, wenn man an eine Hochschule kommt bzw. das kann man oder kann man eben nicht.

Außerdem haben vielfach die BetreuerInnen von Abschlussarbeiten nicht die Zeit, um sich weniger inhaltlich und methodisch, sondern stilistisch mit den Texten zu beschäftigen. Dazu kommt, dass Studierende berechtigterweise auch Bedenken haben, sich mit Fragen zum Schreiben bzw. zum Stil an jene Person zu wenden, die sie benotet.

Manchmal liegt es wohl an den falschen Hebeln, manchmal handelt es sich aber auch einfach um ein strukturelles Problem.

Und zum Schluss: Du arbeitest als Schreibberaterin. Wie bist du Schreibberaterin geworden?

Nach Abschluss meines Politikwissenschaftsstudiums war ich einerseits in der Forschung tätig, andererseits habe ich begonnen wissenschaftliches Arbeiten an der Uni zu unterrichten. Frisch von der Uni hatte ich damals den Vorteil, dass mir die Schwierigkeiten bzw. Höhen und Tiefen des wissenschaftlichen Schreibens noch sehr gut im Gedächtnis waren.

Das schreibdidaktische Know-how musste ich mir erst durch Fortbildungen, Lesen und Ausprobieren aneignen. Das hat mir sehr großen Spaß gemacht. Seit der Gründung des Schreibzentrums beschäftige ich mich nun 20 Stunden die Woche intensiv mit der Vermittlung wissenschaftlichen Schreibens, organisiere, berate und halte Workshops. Die restliche Zeit arbeite ich an sozialwissenschaftlichen und historischen Forschungsprojekten. Das ergänzt sich sehr gut.

 

 

       

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