Di

19

Aug

2014

Begeistern Sie als Redner Ihr Publikum mit Persönlichkeit

Ein Gastartikel von Matthias Müller-Krey

Ein Redner, der sein Publikum mitreißen will, muss am Rednerpult als Mensch erkennbar sein. Wenn die Rede gut sein will, muss sie Einblicke in die Biografie und die private Lebenssituation des Redners geben.

Ein Beispiel aus der Praxis: Die Rede eines Bürgermeisters

Der Bürgermeister einer Kleinstadt spricht bei der Eröffnungsfeier eines Pflegeheims für demenzkranke Menschen. In seiner Rede wirkt der normalerweise eloquente Politiker schwerfällig und abwesend. Die Zuhörer erdulden ein langatmiges Referat über die Zunahme der Zahl von Demenzkranken in der Gemeinde, was den teuren Bau notwendig gemacht habe.

 

Auf seine ungewöhnlich schwache Rede angesprochen, sagt der Bürgermeister später, es sei ihm schwergefallen, über das Thema zu sprechen. Seine Mutter sei eben auch demenzkrank. Doch das wollte er in seiner Rede nicht ansprechen. Das gehe niemanden etwas an.

 

An Rednern, die ihr Privatleben aus der Rede heraushalten wollen, verzweifeln Redenschreiber regelmäßig, denn kaum etwas ist in einer Rede wichtiger als die Persönlichkeit des Redners. Menschen folgen keinen Ideen, sondern sie folgen Menschen mit Ideen. Das Publikum will keinen Faktenvortrag, sondern erfahren, wie der Redner die Fakten interpretiert.

 

Dennoch weigern sich viele Redner hartnäckig, in einer Rede auf ihre persönliche Situation einzugehen. Lieber verschanzen sie sich hinter Daten und Zahlen. Begeisterung für die Rede kommt dabei allerdings nicht auf.

Der Irrtum des Bürgermeisters

Der Bürgermeister im Beispiel unterliegt dem Irrtum, dass es in einer Rede hauptsächlich darum geht, dem Publikum Informationen mitzuteilen. Doch die Zahl der Demenzkranken in der Gemeinde hätten die Zuhörer ebenso gut in der Zeitung oder auf ihren Smartphones nachlesen können. Schon Kurt Tucholsky empfahl Rednern, nichts auszusprechen, was die Zuhörer bereits wissen oder in einem Lexikon nachlesen können.

Um als Redner dem Publikum einen Eindruck von der eigenen Persönlichkeit zu vermitteln, ist es erforderlich, Umstände aus den Privatleben preiszugeben. Insbesondere dann, wenn diese einen Bezug zum Gegenstand der Rede haben.

So überzeugen Sie Ihr Publikum

Wer eine gute Rede schreiben will, sollte sich darum zunächst die Biografie des Redners vor Augen halten. Der Redenschreiber muss sich die Frage stellen, welche Ereignisse im Leben des Redners mit dem Redegegenstand in einem Zusammenhang stehen.

 

Wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa eine Rede zum Thema Demokratie hält, spielt es eine wichtige Rolle, dass sie in der DDR aufgewachsen ist. Ihre Erfahrungen im Umgang mit der Diktatur haben sie geprägt. Umstände, unter denen Merkel eine Einschränkung demokratischer Grundrechte befürworten könnte, sind auf der Grundlage ihrer Biografie schwer vorstellbar. Ihre private Lebensgeschichte macht Merkel in dieser Frage besonders glaubwürdig und gehört darum unbedingt in jede Rede zu diesem Thema.

 

Ein anderes Beispiel: Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 hatten zahlreiche Wähler die Befürchtung, der afroamerikanische Kandidat Barak Obama könnte als Präsident die schwarze Bevölkerung bevorzugen. Diesem Misstrauen begegnete Obama dadurch, dass er in seinen Wahlkampfreden von sehr persönlichen Erfahrungen als Sohn einer weißen US-Amerikanerin und eines schwarzen Kenianers berichtete. Dadurch gelang es ihm, die Vorbehalte auszuräumen.

 

Dass der persönliche Eindruck einen derart großen Stellenwert besitzt, hat einen einfachen Grund: Vertrauen in einen Entscheidungsträger entwickeln die meisten Menschen nicht auf der Grundlage von rationalen Erwägungen. Entscheidend ist vielmehr das Gefühl, den Redner persönlich zu kennen und ihm als Mensch zu vertrauen.

 

Auch der Bürgermeister mit der demenzkranken Mutter hätte seinen Argumenten für den Bau des Pflegeheims deutlich mehr Gewicht verliehen, wenn er seine persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit in die Rede eingebracht hätte.

Natürlich erfordert es Mut, in einer öffentlichen Ansprache das eigene Privatleben auszubreiten. Doch es ist genau dieser Mut, den die Zuhörer spüren müssen, um Vertrauen zum Redner als Führungskraft zu entwickeln.

 

Das Wichtigste für das Publikum ist ein persönlicher Eindruck vom Redner. Das wusste bereits der griechisches Philosoph Sokrates. Ihm wird der Satz zugeschrieben: „Sprich, damit ich dich sehen kann.“

Über den Autor

Matthias Müller-Krey arbeitet als freiberuflicher Redenschreiber in Berlin. Er berät Führungskräfte aus Politik, Verbänden, Wirtschaft und Wissenschaft. Regelmäßig veranstaltet er Seminare und Workshops zu den Themen Redenschreiben und Kommunikation für Entscheidungsträger. Vor seiner Tätigkeit als Redenschreiber arbeitete Matthias Müller-Krey zunächst als Rechtsanwalt. Später war er Chefredakteur eines politischen Fachmagazins.

>> Website von Matthias Müller-Krey

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