Di

26

Aug

2014

Kann man als StudentIn in einer Hausarbeit, Bachelor- oder Masterarbeit wirklich forschen?

Die Mitglieder meiner Facebook-Studentenschreibgruppe haben mich vor einiger Zeit gebeten, ihnen doch hin und wieder Einblicke in meine eigene Arbeit als Wissenschaftlerin, insbesondere in die Arbeit an meiner Monografie über den Barockbaumeister Jakob Prandtauer zu geben.

Diese Anregung habe ich natürlich gerne aufgegriffen. Beim letzten Einblick ist es mir um die Frage gegangen, was es eigentlich bedeutet, zu forschen. Wann und wie kommt man zu dem Punkt, dass man selbst forscht?

Es gibt selten Themen, die schon in Gänze bearbeitet sind

In meinen Lehrveranstaltungen merke ich, dass viele Studierende meinen, es wäre zu ihrem Thema schon alles gesagt. Ich kann Sie da aber beruhigen: Es gibt kaum ein Thema, zu dem alles schon gesagt wurde! Abgesehen davon, dass man in einer Hausarbeit, Bachelorarbeit oder Masterarbeit von Ihnen ja keine völlig neuen Ergebnisse erwartet. Wenn Sie die Literatur kritisch auswerten, also etwa unterschiedliche Standpunkte einander gegenüberstellen, ist schon viel geschehen. Dabei ist freilich eines wichtig: Sie müssen das Thema eng fassen (am liebsten würde ich jetzt an dieser Stelle mindestens drei Rufzeichen setzen). Je kleiner bzw. übersichtlicher Ihr Thema ist, desto eher werden Sie auf offene Fragen stoßen.

forschen, studium

Ich selbst, und das war ein wichtiger Punkt meines Postings in der Facebook-Gruppe, mache regelmäßig die Erfahrung, dass Behauptungen der Literatur richtiggehend „zerbröseln“, wenn man nachbohrt und sie hinterfragt.


Einfach einmal nachdenken: Kann das so stimmen, was da in der Literatur steht? Glauben Sie nicht alles. Recherchieren Sie, lesen Sie, denken Sie darüber nach, was Sie da lesen, schauen Sie genau hin – und seien Sie kritisch!

Ein Beispiel aus meiner eigenen Forschung

Gerade sitze ich an der Baugeschichte des Klosters St. Andrä an der Traisen (Niederösterreich). In der Literatur ist zu lesen, dass der Bau 1702 begonnen wurde. Schaut man sich die Fußnoten an und liest die dort angeführte Literatur, wird plötzlich klar, dass es für das Jahr 1702 überhaupt keinen Beleg gibt. Was mir als Leserin im Fließtext als sicher verkauft wird, ist also gar nicht gesichert. Und genau an diesem Punkt beginnt die Forschung! Plötzlich ist etwas wieder offen und das kann Folgen für die gesamte Argumentation haben.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst gemacht?

Und damit geht der Ball an Sie: Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Konnten Sie in Ihrer Hausarbeit, Bachelorarbeit oder Masterarbeit (Diplomarbeit) Widersprüche in der Literatur aufdecken? Was bedeutet es für Sie, zu forschen?


PS: In der Facebook-Gruppe gab es auf mein Posting rege Kommentare. Einige Studierende waren bereit, ihren Kommentar hier nochmals zu posten und ihn damit einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen. An dieser Stelle schon jetzt ein herzliches Dankeschön an diese Studierenden!

 

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Abbildungsnachweis:

Abb. oben: Pixabay: PDPics

Abb. unten: Shutterstock.com: Bildnummer: 219071425, Urheberrecht: leungchopan

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Kommentare: 8
  • #1

    Magdalena (Dienstag, 26 August 2014 11:23)

    Ich schreibe gerade an meiner Diplomarbeit und bin dabei wirklich auch in der Forschung tätig. Ich habe ein Seminar im Rahmen der Physik-Lehramtsausbildung gemacht und wir haben im Seminar eine Teilnehmende Beobachtung in einer Klasse über ein Semester lang durchgeführt. (Ich saß mit einer Kollegin jede Woche eine Stunde in der Klasse und beobachtete die SchülerInnen.) Danach wurden berichte verfasst und diese im Seminar besprochen und verbessert. Für die Diplomarbeit habe ich noch ein zweites Semester in einer anderen Klasse (gleiche Schule, gleicher Lehrer) beobachtet. Durch die qualitative Inhaltsanalyse werte ich nun diese Beobachtungen aus und versuche Möglichkeiten zu finden, wie die SchülerInnen, die ich beobachtet habe, besser lernen könnten.

  • #2

    Natascha (Dienstag, 26 August 2014 13:21)

    Bei meiner Masterarbeit bemerkte ich, dass die Literatur über das Grabmal immer wieder alte Informationen seit dem 17 Jahrhundert übernommen hat. Meist gab es auch keine Fußnoten, die irgend einen Beleg oder etwas als gesichert darstellten. Ein Relief wurde seit diesem Zeitraum bis zur heutigen Literatur unter einem falschen Titel geführt, obwohl eindeutig ein anderes Bild dargestellt war. In meiner Arbeit widerlege ich dieses, doch fiel mir das auch nicht leicht. Ebenso erging es mir mit dem Aufstellungsort. Kein Beleg nur Mutmaßungen. Mir kam es so vor, als hätte sich niemand die Mühe gemacht, etwas zu hinterfragen oder selbständig zu denken, obwohl es sich um Fachliteratur handelte.

  • #3

    Maria (Dienstag, 26 August 2014 14:50)

    Tja ich hatte nur eine Seminararbeit zu schreiben und trotzdem habe ich den Fehler eines Fachexperten aufdecken können. Durch oftmaliges Vergleichen und Suchen konnte ich eine Bildinhaltliche falsche Personenzuordnung an einem Stich richtig stellen. So konnte ich auch dann das Original zur Kopie finden und fachlich bearbeiten. Tatsächlich war die Rembrandt-Kopie seitenverkehrt wiedergegeben, aber trotzdem mit deutlichen Unterschieden versehen. Das Biblische Thema war an der Kopie mit falschen Personen beschrieben. Die richtige Personenbezeichnung ergab den passenden Titel des Bildes, so konnte ich das Original finden. Es ist wichtig seine Arbeit immer kritisch zu betrachten und nicht als gegeben.

  • #4

    Huberta (Dienstag, 26 August 2014 17:47)

    Danke für all eure Fallbeispiele!

    Herzlichen Gruß
    Huberta

  • #5

    Pia (Dienstag, 26 August 2014 19:40)

    Stimmt! Das Archiv ist der beste Freund der Kunsthistorikerin!! Während der Recherchen für meine MA-Arbeit bin ich auch auf Informationen gestoßen, die es erlauben, eine Fotoserie umzudatieren. Es geht zwar "nur" um ein Jahr, allerdings ist diese Fotoserie somit die erste des zu analysierenden Projekts und hat deshalb eine ganz andere Bedeutung, als wäre sie ein Jahr später (lange nach allen anderen Serien des Projekts) entstanden. Und das bei einer Fotografin, die als "sehr gut aufgearbeitet" gilt! Es stimmt also, zu keinem Thema ist alles gesagt worden! Es ist nur am Anfang des Studiums schwierig zu verstehen, was die Professoren mit "in den Wunden der Forschung bohren" meinen. Dabei ist das der größte Spaß!

  • #6

    Luisa (Dienstag, 26 August 2014 21:11)

    Meine MA handelt von einem Künstler, dessen Schaffen in div. Publikation und von einigen Museen mit ca. 1662 begrenzt wird. Begründet wird dies oft nicht oder nur unzureichend. Wenn man die wenige Forschungsliteratur zum Künstler liest, stellt man rasch fest, dass bereits 1935 sowie 1949 Autoren darauf hingewiesen haben, dass es sich dabei um die Datierung eines Bildes handelt, das dem Künstler längst abgeschrieben wurde (zu Recht). Es hat mich verwundert festzustellen, dass die zeitliche Eingrenzung einfach so übernommen wurde. Da muss man nicht mal wirklich „bohren“ …

  • #7

    Huberta Weigl (Donnerstag, 28 August 2014 10:48)

    Liebe Pia, liebe Luisa,

    vielen Dank für eure Fallbeispiele. Mein Blogartikel wird durch eure Beispiele sehr anschaulich.

    Herzlichen Gruß
    Huberta

  • #8

    Juliane (Mittwoch, 03 September 2014 17:33)

    Ich studiere in den Naturwissenschaften. Dabei desingt man ein Experiment immer mit einem bestimmten Ziel. Und am Ende werden die Ergebnisse vom Autor in einem Kontext interpretiert, der für den vorliegenden Aufbau vollkommen unpassend ist. Oder man ließt komplett gegensätzliche Ergebnisse von praktisch identischen Experimenten.
    Mir ist dies mit verschieden Zuckerverknüpfungen auf der Oberfläche von Rezeptoren, die bei Influenzainfektionen von entscheidender Bedeutung sind, geschehen. Theoretisch müsste Typ A beim Vogel und Typ B beim Menschen bevorzugt binden. Jedoch wurden beide Typen wurden ähnlich häufig als bevorzugt bindend für Vögel als auch Menschen angesehen. Da diese Information nicht essentiell für die Arbeit war, habe ich es dann bei einem Satz belassen, der diese Unklarheit zum Ausdruck brachte und dabei auf 2 vergleichbare Quellen mit unterschiedlichen Angaben verwiesen.
    Als ich ein halbes Jahr später für meine Bachelorarbeit nochmals begann, mich mit Influenzaviren zu beschäftigen, wurde mein Problem anhand einer neuen Publikation gelöst, die zum Zeitpunkt meiner vorherigen Arbeit noch nicht erschienen ist.