Mo

04

Apr

2016

Hat Deutsch als Wissenschaftssprache eine Zukunft?

Ein Gastartikel von Katrin Miglar, Mitarbeiterin am Schreibzentrum der FHWien der WKW

deutsch als wissenschaftssprache
Brauchen wir Deutsch noch als Wissenschaftssprache?

Viele wissenschaftliche Ergebnisse werden nur auf Englisch publiziert – besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern. Englisch gilt als die Sprache schlechthin, die es ermöglicht, über nationale Grenzen hinweg wissenschaftliche Erkenntnisse auszutauschen. Warum schreiben wir dann trotzdem noch wissenschaftliche Texte in nationalen Sprachen wie Deutsch, Französisch, Polnisch usw.? Ist es überhaupt noch sinnvoll, Deutsch als Wissenschaftssprache zu nutzen? Hat Deutsch in der Wissenschaft eine Zukunft? Meine Antwort lautet: Ja!

Englisch als Wissenschaftssprache: Das hat auch Nachteile!

Als am häufigsten gebrauchte Sprache im wissenschaftlichen Diskurs wird Englisch zu einer sogenannten Pidgin-Sprache, die als (vereinfachte und reduzierte) Sprachform von unterschiedlichen Sprach- und Wissensgemeinschaften zur Verständigung genutzt wird. Für viele WissenschaftlerInnen ist sie nicht die Erstsprache, sondern eine Fremdsprache.

 

Englisch hat den großen Vorteil, dass man mit seiner Hilfe eine breite Öffentlichkeit erreichen kann, aber es gibt auch Nachteile: Der wissenschaftliche Betrieb läuft aus der Sicht von namhaften SprachwissenschaftlerInnen und GermanistInnen Gefahr, einer Monokultur zu verfallen, die alles vereinheitlicht und verflacht und die letztendlich auch sprachlich verarmt.

 

Der Sammelband „Deutsch in den Wissenschaften“, der 2013 vom Goethe-Institut, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und dem Institut für Deutsche Sprache herausgegeben wurde, hebt die Bedeutung der Sprache(n) für die Wissenschaften hervor. Denn man könnte zwar argumentieren, dass die Inhalte und wissenschaftlichen Ergebnisse – unabhängig von der Sprache – im Vordergrund stehen. Doch kann wissenschaftliches Denken außerhalb von Sprache stattfinden?

Sprache und Denken hängen zusammen: Ein Plädoyer für Mehrsprachigkeit

Der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken ist äußerst komplex und auch in der Forschung nicht restlos geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass die Sprache unser Denken beeinflusst und prägt. Die Strukturen, in denen wir denken, wahrnehmen und erkennen, stehen unter dem Einfluss unserer Sprache(n). Genau deshalb ist es nicht egal, in welcher Sprache wir schreiben und forschen.

 

Was wäre etwa Sigmund Freuds Traumdeutung ohne die deutschen Wörter „Verschiebung“ oder „Verdrängung“? Auch Freuds Begriff vom „Unheimlichen“ verortet die Angst in alltäglichen Situationen im Heimeligen, also im Vertrauten und Bekannten. Damit entwickelt Freud seine Theorie ganz nah an der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. An diesem Beispiel sieht man, dass wissenschaftliche Überlegungen auch aus der Sprache selbst erwachsen. Besonders in den sprach- und kulturwissenschaftlichen Fächern stecken hinter wissenschaftlichen Bezeichnungen ganze Begriffsgeschichten und Traditionen. Die Konzepte Freuds gehen Hand in Hand mit der deutschen Sprache und wären vermutlich auf Englisch anders ausgefallen.

 

Mehrsprachigkeit fördert die kulturelle Vielfalt auch in den Wissenschaften, denn hinter den einzelnen Sprachen stehen immer die unterschiedlichsten Ideen, Methoden und Herangehensweisen an Forschungsprobleme. Sprachen und Wissenschaften sind vielfältig und beweglich. Deshalb könnten auch Übersetzungen zu fruchtbaren neuen Ergebnissen führen. Im Austausch liegt ein Potenzial, neue Ideen und Denkweisen zu fördern.

Wissenschaftssprache = Sprachenpolitik

Doch selbst in einer mehrsprachigen Welt braucht es natürlich eine Wissenschaftssprache, die global eingesetzt werden kann und als Verständigungssprache dient: Diese führende Rolle übernimmt derzeit Englisch.

 

Das Prestige einer Wissenschaftssprache ist stets von politischen und wirtschaftlichen Faktoren abhängig, von einer Sprachenpolitik, die festlegt, welche Sprachen in bestimmten Kontexten gesprochen und verwendet werden. Die Tatsache, dass Englisch zur dominanten Sprache wurde, liegt nicht in der Sprache selbst, sondern vielmehr in den politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts begründet. Noch um 1900 war Deutsch in der Wissenschaft wesentlich wichtiger als Englisch, weil im 19. Jahrhundert große Fortschritte in Wissenschaft und Technik im deutschsprachigen Raum erzielt wurden. Mittlerweile hat Deutsch als internationale Wissenschaftssprache jedoch stark an Bedeutung verloren.

 

In der Sprachwissenschaft zweifelt man daran, dass die Zahl der Menschen weltweit, die eine Sprache sprechen, den Ausschlag dafür gibt, welche Sprache als Wissenschaftssprache gewählt wird. Sonst würden Chinesisch, Hindi oder Spanisch auch als bedeutendste Wissenschaftssprachen in Frage kommen. Wichtiger ist jedoch die politische, wirtschaftliche oder auch militärische Bedeutung der Nationen, die hinter den Sprachen stehen. Das ist die Macht der Sprachenpolitik.

Was macht die „Alltägliche Wissenschaftssprache“ aus?

Sieht man sich die deutsche Wissenschaftssprache näher an, finden sich viele Formulierungen, die ganz typisch sind. Gemeint sind fachübergreifende Wendungen, die immer wieder auftreten z. B.: „Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist …“; „Die These lautet, dass …“, „In dieser Arbeit wird … behandelt“ usw.

 

Diese Sprech- und Schreibweisen sind sprachliche Handlungsmuster, die sich innerhalb der Wissenschaftskultur ausgebildet haben. Der Linguist Konrad Ehlich prägte für diese Merkmale den Begriff der „Alltäglichen Wissenschaftssprache“ (AWS), die in der Schreibforschung intensiv diskutiert wird. WissenschaftlerInnen brauchen diese sprachlichen Mittel, um im Alltag des Wissenschaftsbetriebs zu bestehen. Zugleich sind diese typischen wissenschaftlichen Wendungen aber auch in der Alltagssprache zu finden: z. B. „ein Argument einbringen“; „ein Beispiel anführen“. Die „Alltägliche Wissenschaftssprache“ ist zwischen der Alltagssprache und den Fachbegriffen angesiedelt. Es handelt sich dabei um floskelhafte Formulierungen, die unabhängig vom Fach in allen Disziplinen verwendet werden.

 

Doch die Sprache allein ist kein Garant für Wissenschaftlichkeit. Wissenschaftliche Texte richten sich in erster Linie an eine "scientific community", das heißt, sie sind an ein klar definiertes Zielpublikum adressiert und verfolgen den Zweck, einen Beitrag zur Diskussion in diesem Fachkreis zu leisten. Mit durchgängig logischen, sinnvoll gegliederten und nachvollziehbaren Texten sollen neue Argumente, Thesen und Ergebnisse vorgestellt werden – auch mit der Absicht die LeserInnen davon zu überzeugen.

Was kennzeichnet wissenschaftliche Texte?

Wissenschaftliche Texte

  • sind inhaltlich und sprachlich präzise,
  • sind möglichst objektiv,
  • sind durch Quellen nachvollziehbar (es gilt die Beleg- und Beweispflicht),
  • beziehen sich auf Gegenstände, Phänomene oder Sachverhalte und nicht auf persönliche Standpunkte oder Meinungen.

Was ist ein guter wissenschaftlicher Stil?

Ein guter wissenschaftlicher Stil ist möglichst genau und bringt die wissenschaftlichen Ergebnisse klar strukturiert auf den Punkt. Doch die Sprache wird nicht ausgeschmückt – wie in literarischen Texten. Deshalb gelten drei wichtige Tabus:

1. Das Ich-Tabu

 

Subjektive Aussagen, die mit „Ich denke …“ oder „Ich bin der Ansicht, dass …“ eingeleitet werden, sind in wissenschaftlichen Texten unüblich. Wichtig ist immer der Bezug auf die konkrete Sache, das Thema und die Forschungsfrage(n), deshalb sollen auch in der Sprache persönliche Befindlichkeiten draußen bleiben. Natürlich kann man das „Ich“ sparsam und gezielt trotzdem verwenden, aber in der richtigen Situation und sachlich begründet. Zum Beispiel im Schlusskapitel einer Arbeit könnte es heißen: „Nach Auswertung der Ergebnisse komme ich zu dem Schluss, dass …“

 

2. Das Erzähl-Tabu

 

Die Zeitformen Vergangenheit (Präteritum) und Vorvergangenheit (Plusquamperfekt) sind im Deutschen typische Erzählformen im Stil von „Es war einmal …“. Wissenschaftliche Texte sind aber keine literarischen Erzählungen und nutzen aus diesem Grund für die Vergangenheit eher das Perfekt, z. B.: „Die Studie hat ergeben, dass …“ anstelle von „Die Studie ergab, dass …“. Für Aussagen und Feststellungen, die allgemeingültig und feststehend sind, kann auch die Gegenwart verwendet werden: „Die Studie ergibt, dass …“

 

3. Das Metaphern-Tabu

 

Metaphern, also sprachliche Bilder, sind Stilfiguren, die man vielfach aus Romanen oder Gedichten kennt. Formulierungen wie „eine Fragestellung unter die Lupe nehmen“ erzeugen Bilder in unseren Köpfen und sind deshalb unpassend in wissenschaftlichen Arbeiten. Metaphern regen nämlich unsere Fantasie an und erweitern die ursprüngliche Bedeutung von Wörtern. Doch die Wortwahl in wissenschaftlichen Texten soll die Wortbedeutung nicht ausdehnen, sondern eingrenzen. Das Ziel ist vielmehr, präzise und genaue Bezeichnungen zu finden, die Inhalte in ihrer Bedeutung fest verankern.

 

Als Basis für die Wissenschaftssprache dienen neutrale und unpersönliche Formulierungen, die wissenschaftliche Texte strukturieren und einen Rahmen geben, z. B.: „Im ersten Kapitel wird ...“, „Sodann ...“, „Abschließend soll ...“. Diese „Alltägliche Wissenschaftssprache“ muss man erst kennenlernen und einüben.

Mehrsprachigkeit ist unverzichtbar

Es bleibt zu hoffen, dass Deutsch als Wissenschaftssprache eine Zukunft im wissenschaftlichen Betrieb hat, denn Mehrsprachigkeit in den Wissenschaften fördert neue Ideen, offenes Denken und kulturelle Vielfalt.

Literatur zum Nach- und Weiterlesen

Wenn Ihr Interesse für die Sprachen der Wissenschaft(en) und besonders Deutsch als Wissenschaftssprache geweckt wurde, findet Sie hier weiterführende Literatur:

Deutsch als Wissenschaftssprache 

  • Lüdtke, Susanne (2013, Red.): Deutsch in den Wissenschaften. Beiträge zu Status und Perspektiven der Wissenschaftssprache Deutsch. Hg. vom Goethe-Institut, vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und dem Institut für Deutsche Sprache, München: Klett-Langenscheidt.
  • Ehlich, Konrad (2000): Deutsch als Wissenschaftssprache für das 21. Jahrhundert. In: gfl-journal 1/2000, URL: www.gfl-journal.de/1-2000/ehlich.pdf (zuletzt abgerufen am 29.02.2016).

 

Alltägliche Wissenschaftssprache

  •  Ehlich, Konrad (1999): Alltägliche Wissenschaftssprache. In: Info DaF 26/1, S. 3–24.
  • Graefen, Gabriele/Moll, Melanie (2011): Wissenschaftssprache Deutsch: lesen – verstehen – schreiben. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, unter Mitarbeit von Angelika Steets, Frankfurt am Main: Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften.

 

Der deutsche Wissenschaftsstil und seine Tabus

  • Schäfer, Susanne/Heinrich, Dietmar (2010, Hrsg.): Wissenschaftliches Arbeiten an deutschen Universitäten. Eine Arbeitshilfe für ausländische Studierende im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich, mit Übungsaufgaben, München: Iudicium Verlag, S. 9–17.

 

Übungsbücher für fremdsprachige Studierende

  • Buchner, Patricia (2015): Campus Deutsch: Deutsch als Fremdsprache. B2/C1. Schreiben. Hg. von Oliver Bayerlein, Ismaning: Hueber.
  • Bayerlein, Oliver/Buchner, Patricia (2013): Campus Deutsch: Deutsch als Fremdsprache. B2/C1. Lesen. Hg. von Oliver Bayerlein, Ismaning: Hueber.
katrin miglar, foto

Über die Autorin

 

Katrin Miglar ist Kunsthistorikerin, Schreibberaterin und Bloggerin. Seit Jänner 2015 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schreibzentrum der FHWien der WKW tätig. Neben Beratungen rund um das Thema „Schreiben“ bietet sie Workshops zum Thema „Deutsch als Wissenschaftssprache“ an.

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Abbildungsnachweis (Biild oben: PC mit Wörterbüchern):

Shutterstock.com: Bildnummer: 363094316, Urheberrecht: Nicotombo

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