Di

31

Mai

2016

Der Bruder Hitlers oder wie die Forschung Neues herausfindet

archivschachteln in regalen

Vielleicht haben Sie gestern Früh diese Nachricht auf der Website des ORF gelesen: "Hitler hatte laut Dokumenten in Braunau jüngeren Bruder". Nun bin ich weder Hitler-Biografin noch mit den Hintergründen des Fundes vertraut, doch der Artikel zeigt wieder einmal ganz klar: Es gibt kein Thema, zu dem sich nicht noch Neues herausfinden ließe.

In diesem Fall hat sich der Historiker Florian Kotanko nicht auf die Literatur verlassen, sondern sich ins Archiv aufgemacht und die Quellen angeschaut. Genau gesagt ist er ins Archiv der Stadtpfarre Braunau gegangen und hat dort wohl die Tauf- und Sterbebücher durchgesehen. Dabei musste er feststellen, dass die Hitler-Biografen bislang "immer wieder von der ersten, aber falschen Quelle abgeschrieben" haben, und zwar von einem publizierten Bericht von Adolf Hitlers Schwester Paula, die als Letztgeborene aber offenbar nicht volle Kenntnis der Familiengeschichte hatte (oder diese verschwieg?).

Das ist alles andere als ungewöhnlich. Ein/e Forscher/in publiziert etwas und in der Folge wird dieses Wissen unkritisch weitergegeben. Man könnte auch sagen: Es wird wiedergekäut. Und dann traut jemand der Literatur nicht, geht der Sache nach – und siehe da: Der Sachverhalt stimmt gar nicht!

Studierende hadern oft mit der Frage, was sie denn nun noch Neues herausfinden oder sagen sollen. Zu neuen Ergebnissen müssen sie letztendlich erst bei der Masterarbeit kommen. Davor reicht es völlig, Widersprüche in der Literatur oder offene Fragen zu thematisieren. Das aber wiederum ist genau die Voraussetzung, um Neues herausfinden zu können. Dazu muss man verstehen, dass längst nicht alles, was in der Literatur steht, stimmt und präzise recherchiert wurde.

Skepsis der Forschung gegenüber und Neugier sind die besten Voraussetzungen, um auch als Studierende genau dort zu landen, wo es spannend wird: bei der Forschung, die einem Krimi oft um nichts nachsteht. Und genau das macht wissenschaftliches Arbeiten so spannend!

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Friederike (Dienstag, 31 Mai 2016 22:26)

    Danke für deinen Beitrag, Huberta. Ich kann das aus eigener Erfahrung nur bestätigen, dass man - wenn man sich mit den Quellen beschäftigt - auf neue Sachverhalte bei scheinbar erforschten Themen stößt!

  • #2

    Huberta (Mittwoch, 01 Juni 2016 09:37)

    Liebe Friederike,

    ja, und genau dann macht Forschung Spaß.

    Herzlichen Gruß
    Huberta