Do

16

Jun

2016

Wie wird man Lektorin bzw. Lektor?

hand mit stift auf papier

Die Frage, was man tun muss, um Lektorin bzw. Lektor zu werden, wird mir mehrmals im Jahr gestellt. Meist von jungen Leuten, die sich für die deutsche Sprache begeistern oder die gerade ein Praktikum in einem Verlag absolviert haben und nun an dem Beruf interessiert sind.

Auf diese Frage gibt es allerdings keine klare Antwort: Der Werdegang ist nicht geregelt. Es gibt weder eine Lehre noch ein Studium, das man absolvieren muss, um den Beruf ausüben zu können. Die Bezeichnung "Lektorin" bzw. "Lektor" ist auch nicht geschützt. Letztendlich kann sich jede/r so bezeichnen, was die Suche nach einer guten Lektorin bzw. einem guten Lektor für Autorinnen und Autoren nicht gerade einfach macht.
 

 

Aber zurück zur Frage vom Anfang, die ich zunächst einmal nicht mit dem Hinweis auf einen bestimmten Ausbildungsweg, sondern auf die Fähigkeiten beantworte möchte, die eine Lektorin oder ein Lektor haben sollte.

Was muss eine Lektorin oder ein Lektor können?

In meinen Augen braucht sie bzw. er

  • ausgezeichnete Kenntnisse auf den Gebieten Rechtschreibung und Grammatik,
  • ein gutes Sprachgefühl,
  • die Fähigkeit, sich sowohl in eine Autorin bzw. einen Autor als auch in deren bzw. dessen Leserschaft hineinzuversetzen,
  • ein breites Allgemeinwissen,
  • ein hohes Maß an Präzision,
  • Geduld, Geduld und nochmals Geduld.

Und schließlich sollte sie bzw. er viel lesen – Bücherwürmer bzw. Leseratten sind in dieser Zunft besonders verbreitet. Wer nicht gerne und viel liest – und zwar auch in der Freizeit! –, bringt in meinen Augen nicht die Voraussetzungen für den Beruf mit. So wie in jedem anderen Metier gehören nämlich auch in diesem regelmäßige Weiterbildungen dazu, wenn man hohe Standards halten möchte. Und ein gutes Sprachgefühl muss eben durch das Lesen guter Texte genährt werden.

Wie wichtig ist ein Studium, wenn man Lektorin bzw. Lektor werden möchte?

Abhängig davon, worauf sich die Lektorin bzw. der Lektor spezialisiert, ist ein Studium als Voraussetzung für die Ausübung dieses Berufs sicherlich sinnvoll. Wenn jemand Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Dissertationen oder andere wissenschaftliche Publikationen korrigiert, ist es meiner Meinung nach unbedingt notwendig, dass er oder sie selbst mehrere wissenschaftliche Arbeiten geschrieben hat.

 

Wer Belletristik lektoriert, wird mit einem Germanistikstudium oder einem Studium der Literaturwissenschaft gut bedient sein. Wer sich auf das Lektorat von juristischen Publikationen spezialisiert, wird diese Arbeit vor allem dann bestmöglich erledigen, wenn ihm juristische Zusammenhänge, Quellen und vor allem die Fachterminologie vertraut sind.

 

Gleichzeitig gibt es natürlich auch Texte, bei denen kein spezifisches Fachwissen notwendig ist. Dazu zählen oft Kundenmagazine, Flyer oder auch Websites, sofern sich diese an eine breite Öffentlichkeit wenden. In diesen Fällen genügt es, wenn die Lektorin bzw. der Lektor die oben angeführten (Grund-)Voraussetzungen mitbringt.

PS: Falls Sie Lektorin oder Lektor sind und durch den Artikel vielleicht auf die Idee kommen, dass Sie sich in der Schreibwerkstatt bewerben könnten, muss ich Sie leider enttäuschen. Ich möchte mein kleines Team nicht erweitern.

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Abbildungsnachweis:

Bild ganz oben: Shutterstock.com, Bildnummer: 140887543, Urheberrecht: Minerva Studio

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Kommentare: 6
  • #1

    Verena (Freitag, 17 Juni 2016 08:44)

    Liebe Huberta,
    deine Themenauswahl trifft bei mir sehr oft ins Schwarze, so auch dieser Artikel :-).
    Merci & liebe Grüße!
    Verena

  • #2

    Huberta (Freitag, 17 Juni 2016 09:27)

    Liebe Verena,

    das freut mich!

    Herzlichen Gruß
    Huberta

  • #3

    Etienne Sadek (Montag, 20 Juni 2016 23:02)

    Leider hat der Artikel zwei Fehler:

    ,,ausgezeichnete Kenntnisse auf den Gebieten Rechtschreibung und Grammatik«
    Das stimmt tatsächlich nicht, es kann nicht schaden, jedoch ist dies keine Voraussetzung, da ein Lektor das Inhaltliche prüft und nicht die Grammatik überarbeitet. Dies wird von einem Korrektor gemacht (zumindest sollte es, dass, denn selbst der Lektor wird »Betriebsblind«.

    ,,Wenn jemand Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Dissertationen oder andere wissenschaftliche Publikationen korrigiert(...)«
    Hier wird von korrigiert gesprochen, jedoch handelt der Text vom Berufsbild des Lektors: Diese zwei Instanzen sollten von zwei unterschiedlichen Personen bedient werden.

  • #4

    Huberta Weigl (Dienstag, 21 Juni 2016 08:11)

    Lieber Herr Sadek,

    danke für Ihren Kommentar. Die Übergänge sind de facto fließend, wenn auch die beiden Berufsbilder (vor allem in der Vergangenheit) klar voneinander abgegrenzt sind (waren).

    Vor allem Lektorinnen und Lektoren, die selbstständig sind (sog. freie Lektorinnen und Lektoren), machen beides.

    Herzlichen Gruß
    Huberta Weigl

  • #5

    Etienne Sadek (Dienstag, 21 Juni 2016 11:19)

    Sehr geehrte Frau Weigl.

    Das stimmt, die Grenzen sind fließend und mittlerweile wird es, leider, aus wirtschaftlichen Gründen von einer Person gemacht. Was jedoch sehr fehlerbehaftet sein kann.

  • #6

    Huberta Weigl (Dienstag, 21 Juni 2016 11:29)

    Lieber Herr Sadek,

    haben Sie denn schlechte Erfahrungen gemacht?

    Übrigens greifen wir keineswegs immer "fachlich" in Texte ein. Gerade bei Uni-Arbeiten ist das tabu, denn sonst landet man beim Ghostwriting.
    In der Regel ist der Autor die fachliche Autorität und der Lektor der Sprachexperte sowie der kritische Mitdenker. Freilich ist die Geschichte bei Belletristik schon wieder etwas anders gelagert. Ein großes Thema! :)

    Beste Grüße
    Huberta Weigl