Lektorat einer Masterarbeit nach dem Einsatz von ChatGPT

Kann und darf ein Lektorat die Spuren von ChatGPT in einer Masterarbeit beseitigen?

Um diese spannende Frage geht es in diesem Blogartikel. Anlass ist das E-Mail eines Studenten, der sich Ende letzten Jahres Hilfe suchend an mich gewandt hat, nachdem er seine Masterarbeit mit ChatGPT geschrieben und nun Bauchweh bekommen hatte.

 

Tastatur und Notizblock. Bezeichnet: Kann ein Lektorat die Spuren von ChatGPT in einer Uni-Arbeit tilgen?

Das Lektorat als Rettung nach dem Einsatz von ChatGPT?

Die Anfrage des Studenten hat in etwa so gelautet: 

Ich befinde mich gerade in den letzten Zügen meiner Masterarbeit und suche nach einem Lektorat. Ehrlich gesagt habe ich beim Schreiben stark auf künstliche Intelligenz zurückgegriffen, was meinen Stil möglicherweise monoton und erkennbar gemacht hat. Könnte ein Lektorat meinen Text stilistisch verbessern? Können Sie mir hier helfen?

Was ein Lektorat leisten kann

Ein professionelles Lektorat kann neben der Korrektur von Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung vieles umfassen. Die Verbesserung des Ausdrucks, damit der Text am Ende gut lesbar und für die Zielgruppe verständlich ist, gehört fast immer dazu. Und natürlich ist es grundsätzlich möglich, im Zuge eines Lektorats den Schreibstil zu verändern oder, wie in diesem Fall, eine Masterarbeit sprachlich lebendiger zu gestalten.

 

Die Frage ist nur: Wie weit geht eine Lektorin oder ein Lektor, wenn es sich um eine Bachelorarbeit, Masterarbeit oder Dissertation handelt? Wie tief greift sie oder er in den Text einer akademischen Qualifikationsarbeit ein? Was darf ein Lektorat und was nicht? Dafür gibt es keine offiziellen Regeln. Was hier zählt, ist die Haltung der Lektorin bzw. des Lektors. 

 

Der Arbeitsumfang beim Lektorat einer Masterarbeit

Es gilt die Grenze zum Ghostwriting zu wahren!

 

In unseren Augen ist es tabu, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten oder Dissertationen im Zuge eines Lektorats tiefgreifend sprachlich zu verändern. Warum? Weil das Richtung Ghostwriting geht. 

 

Eine behutsame Politur, wie das punktuelle Teilen von Mammutsätzen oder das fallweise Entwirren von Schachtelsätzen, ist legitim, das durchgehende Umstellen ganzer Sätze oder gar das Neuformulieren von Textpassagen nicht!

 

Wir schauen uns Uni- oder FH-Arbeiten übrigens zu Beginn aus diesem Grund sehr genau an. Arbeiten, die sprachlich besonders schwach sind, übernehmen wir nicht zum Lektorat. Wir kämen dann nämlich tatsächlich ins Umschreiben und könnten die Grenze, die wir uns selbst gesetzt haben, nicht wahren.

 

Nun aber zurück zu dem Anliegen des Studenten!

 

ChatGPT: Was ist erlaubt und was nicht?

Da aus dem E-Mail hervorging, dass er ChatGPT unerlaubterweise genutzt hat, war für mich klar, dass ich den Auftrag mit meinem Team nicht übernehme. Wir tilgen keine Spuren des unzulässigen Einsatzes von ChatGPT!

 

Damit landen wir bei einem wesentlichen Punkt: ChatGPT ist gekommen, um zu bleiben. Und so ist es kein Wunder, dass immer mehr Studierende dieses und andere Tools aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz nutzen, um ihre Masterarbeit zu schreiben.

 

Das ist vollkommen okay (auch ich arbeite mit ChatGPT und anderen KI-Tools), wichtig ist freilich, dass es in dem Rahmen genutzt wird, der von der Hochschule sowie deiner Betreuerin oder deinem Betreuer vorgegebenen ist.

 

Und da ist das Spektrum im Moment breit: Es gibt Hochschulen bzw. Lehrende, die

  • den Einsatz von ChatGPT & Co. verbieten (was ich nicht sinnvoll finde).
  • den Einsatz von KI für bestimmte Aufgaben (zum Beispiel als Sparringspartner, nicht aber als Schreibhilfe) erlauben.
  • die den Einsatz von künstlicher Intelligenz unter bestimmten Voraussetzungen (zum Beispiel Zitation der Prompts) gestatten.

Okay, nun denken wir aber weiter!

 

Ist denn ein Lektorat einer Masterarbeit überhaupt zulässig?

In meinen Augen ja, sofern die Grenze zum Ghostwriting gewahrt wird (wenn ich mich auf verschiedenen Lektoratsplattformen umsehe, ist das übrigens nicht überall der Fall). Es ist okay, wenn Studierende ihre Masterarbeit lektorieren lassen, aber vielleicht wäre es an der Zeit, auch damit offen umzugehen. Es wäre gut, darauf an einer Stelle in der Masterarbeit hinzuweisen, was im Augenblick noch keine Selbstverständlichkeit ist.

 

Für mich und meine beiden Lektorinnen ist freilich weiterhin klar, dass wir wissenschaftliche Texte behutsam bearbeiten, um den persönlichen Stil der Verfasserin / des Verfassers zu wahren und eben auch die fachliche Kompetenz auf ihrer Seite zu lassen.

 

Wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben mit ChatGPT

Ein kritischer Einblick mit praktischen Übungen

Hier findest du alle Informationen, wenn du dich für ein Lektorat interessierst:

 

 

Verfasst am 24.1.2024.

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