Morgenseiten – Hilfe bei Blockaden und Perfektionismus

Wie dir Julia Camerons Schreibmethode bei deiner Hausarbeit, Bachelorarbeit, Masterarbeit oder Doktorarbeit helfen kann

In der Früh schreiben. Ohne Druck, ohne Plan, ohne Struktur und ohne darüber nachzudenken, ob das Geschriebene gut oder sinnvoll ist. Genau das empfiehlt Julia Cameron in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“. Die sogenannten Morgenseiten können dir dabei helfen, den Kopf frei zu bekommen, dich zu entlasten und innere Blockaden zu lösen.

Und, das betont Cameron auch, sie sind keineswegs nur für Künstler*innen gedacht, die einen Zugang zu ihrer Kreativität finden möchten. Morgenseiten sind etwas für alle! Aus Erfahrung kann ich sagen: Sie tun gut! 

 

Notizbuch und Kaffeetasse. Bezeichnet: Morgenseiten. Hilfe bei Blockaden und Perfektionismus

Was sind Morgenseiten?

Die Methode ist bewusst einfach gehalten: Jeden Morgen notierst du auf drei Seiten handschriftlich alles, was dir gerade durch den Kopf geht – spontan und ungefiltert. Dabei darf alles, wirklich alles aufs Papier.

 

Das können Sorgen wegen der Uni-Arbeit sein, Gedanken an unerledigte Aufgaben, Freude auf etwas Schönes oder vollkommen alltägliche Dinge wie der Einkauf oder die Wäsche. Nichts davon ist zu unwichtig oder zu banal, um nicht aufs Papier wandern zu dürfen. Auch Gedankensprünge sind völlig okay.

 

Und ja, es sollen genau drei Seiten sein. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht bei Julia Cameron nicht um die Zeit, sondern allein um die drei Seiten. Und natürlich ist klar: Wenn du A4-Blätter benutzt, dann hast du mehr Raum zu befüllen, als wenn du A5 verwendest.

 

 

„Die Morgenseiten verlangen von Ihnen lediglich, Ihre Hand über die Seite zu bewegen und niederzuschreiben, was immer Ihnen in den Sinn kommt. Nichts ist zu unbedeutend, zu albern, zu dumm oder zu skurril, um aufgeschrieben zu werden.“


Julia Cameron


Morgenseiten als Meditationspraxis

Morgenseiten sind eine Form der Meditation – allerdings keine stille Meditation, bei der du versuchst, alle Gedanken, die aufpoppen, einfach so ziehen zu lassen, sondern eine schreibende Meditation. Durch das ungefilterte Schreiben beruhigt sich der Kopf nach und nach. Sorgen, Ängste, Selbstzweifel und Gedankenschleifen landen auf dem Papier, statt sich ständig im Kreis zu drehen.

 

Genau dadurch entsteht mehr innere Ruhe und Klarheit. Und ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen: Es funktioniert!

 

Wichtig ist dabei, dass du in einem durchschreibst. Setze den Stift nicht ab. Sollte dir nichts mehr einfallen, bevor die drei Seiten gefüllt sind, schreibst du einfach: „Ich weiß gerade nicht, was ich schreiben soll.“

 

Bei den Morgenseiten kannst du nichts falsch machen

Morgenseiten werden nicht bewertet. Schick deinen inneren Zensor bitte auf Urlaub, wenn du schreibst, oder lass ihn quasseln, ohne dass du ihm Beachtung schenkst. Morgenseiten müssen weder klug noch kreativ, noch sinnvoll sein.

 

Wenn du eher leistungsorientiert bist, wenn du dazu tendierst, alles zu optimieren, zu kontrollieren oder sofort verbessern zu wollen, ist das am Anfang ungewohnt. Bei den Morgenseiten spielen Rechtschreibung, Stil oder Logik keine Rolle. Was du schreibst, darf widersprüchlich oder sogar langweilig sein. Auch Wiederholungen sind völlig in Ordnung.

 

 

„Einfach ausgedrückt sind sie drei ohne Abkürzungen vollgeschriebene Blätter, die streng dem Bewusstseinsstrom folgen: O Gott, schon wieder ein Morgen. Ich habe NICHTS zu sagen. Ich muss die Vorhänge waschen. Habe ich gestern meine Wäsche gewaschen? Bla, bla, bla … Sie könnten also auch einfach Gehirnentleerung genannt werden, denn das ist eine ihrer Hauptfunktionen.“

 

Julia Cameron 

Was sich verändert, wenn du regelmäßig Morgenseiten schreibst

Beim Schreiben einer Uni-Arbeit oder Doktorarbeit ist die innere Kritikerin oft besonders laut. Sie sagt dann Sätze wie:

 

„Das ist nicht gut genug.“

„Du bist nicht genug.“

„Das kannst du so nicht sagen.“

„Andere können das besser.“

„Du solltest eigentlich schon viel weiter sein.“

 

Viele Studierende und Promovierende kommen deshalb nur schwer oder gar nicht ins Tun. Sie verlieren sich in Selbstkritik und Perfektionismus. Vielleicht geht es dir auch so?

 

Die Morgenseiten helfen dir, diesen Mechanismus zu durchbrechen. Da die Seiten ausdrücklich NICHT perfekt sein müssen, kann die Stimme des inneren Kritikers leiser werden und im besten Fall sogar verstummen – auch bei deiner wissenschaftlichen Arbeit.

 

Warum du das Geschriebene erst mal nicht lesen solltest

Wenn du mit deinen Morgenseiten fertig bist, leg das Geschriebene übrigens bitte weg. Lies es nicht durch, zumindest nicht, wenn du diese Praxis erst etablierst. Warum? Sobald du die Seiten liest, fängst du möglicherweise sofort mit dem Analysieren und Bewerten an und die innere Kritikerin übernimmt wieder die Kontrolle.

   

Es geht bei den Morgenseiten nicht darum, Erkenntnisse zu gewinnen oder Inhalte auszuwerten. Entscheidend ist der Prozess des Schreibens selbst. 

 

Zusammenfassung: So funktionieren die Morgenseiten

  • Schreibe morgens direkt nach dem Aufstehen drei Seiten.
  • Nutze Papier und Stift.
  • Schreibe spontan und ohne Plan.
  • Korrigiere nichts.
  • Schreibe auch dann weiter, wenn dir nichts (mehr) einfällt.
  • Lies das Geschriebene nicht wieder durch, zumindest nicht in den ersten Wochen danach.

Und ganz wichtig: Rechne am Anfang mit innerem Widerstand und mach dennoch weiter. Wichtig ist die Regelmäßigkeit, bleib also dran! Und falls du auf A4-Papier schreibst, dann sind eineinhalb Seiten auch völlig okay.  😊

 

Abbildungsnachweis: Bild oben: Canva. Buchcover: Droemer Knaur