Eine durch Lektüre ausgelöste Zeitreise ...

Wenn wir lesen, begeben wir uns oft auf eine Zeitreise. Wir tauchen in eine fremde Geschichte ein, die manchmal auch unsere eigene Geschichte berührt. So ist es Doreen Westphal, Lektorin der Schreibwerkstatt, ergangen, als sie Georgi Gospodinovs Roman "Zeitzuflucht" gelesen hat. Erinnerungen an ihre Kindheit in der DDR wurden wach. Ihre Faszination gilt vor allem der Sprache des aus Bulgarien stammenden Autors. 

 

Der Zeitreisende Gaustín eröffnet in Zürich eine besondere Klinik: Es ist eine Klinik für die Vergangenheit, eigentlich für Menschen bestimmt, die an Alzheimer erkrankt sind. Doch nach und nach möchten auch Gesunde dorthin ...

 

Zeitzuflucht, Cover des Buches von Georgi Gospodinov

Wenn uns Texte in ihren Bann ziehen

Doreen Westphal, Lektorin

Gute Texte zu lesen, macht mich glücklich. Lesend bin ich bei mir und zugleich Teil einer größeren Gemeinschaft. Ich trete mindestens in die Welt der Autorin / des Autors ein; das ist beinahe so etwas wie Komplizenschaft – besonders dann, wenn ich mich dem Text leicht nähern kann, wenn ich etwa Figuren finde, mit denen ich mich identifiziere, wenn die Geschichte mich in ihren Bann zieht.

 

Oft auch, wenn die Sprache mich fesselt und ich mit ihrem Fluss dem Geschehen gern folge. So ging es mir jüngst mit Georgi Gospodinov, einem bulgarischen Autor der Gegenwart.

 

Geboren in den sechziger Jahren

Sowohl Georgi Gospodinov als auch ich sind in den Sechzigern geboren, er 1968, ich 1964 – und wir beide kommen aus dem Sozialismus. Bei Gospodinovs Schreiben sind auf magische Weise meine Kindheit und Jugend in der mecklenburgischen Provinz, also in der DDR, in mir lebendig geworden.

 

Das hat seine Sprache gemacht und die Art und Weise, wie er die Welt sieht und beschreibt. Ich konnte beinahe die Zeit riechen; gefühlt habe ich sie jedenfalls und sehe mich etwa an einem Samstag im Hauseingang des Neubaugebietes in der Nähe unserer Schule hocken, als wir – vom Unterricht befreit – mit der gesamten Schule den Ernstfall, die Katastrophe übten.

 

Damals waren unser, also das sozialistische, und das kapitalistische Weltsystem im Wettrüsten vereint. Mit einem Krieg war quasi dauernd zu rechnen. Jedenfalls hielten unsere Lehrerinnen und Lehrer das so für uns bereit.

 

Ich hockte also in diesem Hauseingang und wartete darauf, dass ich auf „Verletzte“ treffen würde, die ich dann zu versorgen hätte als Sanitäterin. Ich hatte Angst und wollte, dass diese ganze Sache schnell vorbeigeht (damals ging die Zeit noch nicht so schnell wie heute, wo ich in meinem sechsten Lebensjahrzehnt stecke!).

 

Zeitreise: Erinnerungen treten zutage

Beim Lesen von Gospodinovs Text tauchte diese Erinnerung auf, dieser Vormittag im Wohngebiet in der Nähe meiner Schule. Die Sirenen müssen gegangen sein für diese Übung. Zivilverteidigung hieß das. Furchtbar für Kinder, angsteinflößend und überfordernd!

 

Ich war damals wohl in der fünften Klasse, also zehn oder elf Jahre alt.

 

Der junge Georgi Gospodinov hatte ähnliche Erfahrungen in seinem Land, wie aus seiner "Physik der Schwermut" (2011) deutlich wird.

 

Gospodinovs Art des Erzählens

Es ist sicher klar geworden, dass mich bei Gospodinov nicht so sehr die Geschichten, der Plot fasziniert haben, sondern die Art und Weise, wie er erzählt: assoziativ, irgendwie magisch realistisch: bulgarischer magischer Realismus, möchte ich es nennen.

 

Georgi Gosposinov als jemand, den, wie er selbst sagt, die Vergangenheit nicht loslässt, hat sich in "Zeitzuflucht" eine verführerische Geschichte dazu ausgedacht: Kliniken für Leute, die ihr Gedächtnis verlieren – also Demenzkranke. Dort kommt ihnen Trost entgegen, in Form von Erinnerungsräumen.

 

Denn bekanntlich halten sich Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich in ihrem Alltag im Hier und Jetzt zurechtzufinden, noch eine Weile in der Vergangenheit auf. Erinnerungen scheinen für sie zunächst noch greifbar, bis auch die dann unwiederbringlich verschwinden im Nebel des Vergessens.

 

Diese Stationen des Wiedererkennens werden ins Leben gerufen von Gaustín, einer Figur, die Gospodinov auch schon in anderen Texten hat auftreten lassen.

 

Gaustín ist ein Wanderer zwischen den Welten des Erzählers. Er kann genauso gut als dessen Freund oder Alter Ego bezeichnet werden. Wo immer der Erzähler hinkommt, ist Gaustín schon gewesen, auch wo er gern hinwollte – Gaustín ist omnipräsent. Und er denkt sich eben diese Kliniken für Alzheimerkranke aus: Jede Etage stellt ein anderes Jahrzehnt dar, dem betreffenden in Mobiliar und Atmosphäre treu nachempfunden.

 

Die Patientinnen und Patienten nehmen das sofort an und fühlen sich pudelwohl in ihren Räumen; eigentlich sind es ihre Innenräume mit ihren eigenen Erinnerungen.

 

Diese Kliniken werden landauf, landab eingerichtet und wie verrückt frequentiert, übrigens auch von Gesunden. Es dauert gar nicht lange, da interessiert sich die gesamte Weltgemeinschaft für diese Art und Weise, mit der Vergangenheit umzugehen, sie wiederaufleben zu lassen. Es finden sogar Wahlen statt, bei denen die Bevölkerungen ein bestimmtes Jahrzehnt für ihr Land aussuchen.

 

Was sich außerdem findet in diesem Roman, ist die Realität des Krieges.

 

Alles Erzählte weist auf einen weiteren Krieg hin

So wie zunächst Gaustín und bald auch der mit ihm immer mehr verbundene Ich-Erzähler den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges besprechen und kommen sehen – quasi als Rückschau aus der erzählten Jetztzeit (der Perspektive der Neunziger) –, so schleicht sich im Fortgang der Lektüre auch bei mir die Gewissheit ein, dass alles Erzählte auf einen weiteren Krieg hinauslaufen muss.

 

Das wäre der Krieg, der die Menschheit in ihrer Existenz bedrohen, ihr Ende bedeuten könnte. Das Ende der Geschichte, das Ende der Welt.

 

Als der Roman 2020 in Gospodinovs Hausverlag Janet 45 in Plovdiv erschien, war vom Ukraine-Krieg noch nichts zu sehen, vielleicht zu spüren, wer weiß. Auch 2022, als die deutsche Übersetzung herauskam, war die Welt, oder mindestens Europa, noch in Ordnung – wenn auch von Covid-19 mächtig erschüttert.

 

Gospodinov sieht etwas kommen. Das Buch endet mit dem Satz: „Morgen war der 1. September.“

 

International Booker Prize für die englische Übersetzung von Georgi Gospodinovs "Zeitzuflucht"

Nachdem ich diesen Blogartikel verfasst hatte, kam die Nachricht, dass Gospodinov als erster bulgarischer Autor den International Booker Prize bekommen hat, und zwar für "Time Shelter", wie der Roman in Englisch heißt, übersetzt von Angela Rodel. Herzlichen Glückwunsch an Autor und Übersetzerin!

 

 

Georgi Gospodinov

Zeitzuflucht

 

Übersetzt von Alexander Sitzmann

Aufbau Verlag 2022

342 Seiten

Originalausgabe erschienen unter dem Titel "Vremeubezhishte" 2020 bei "Janet 45" in Plovidiv (Bulgarien)

 

 


Doreen Westphal

Doreen Westphal lebt seit 1983 in Berlin, wo sie Germanistik (Neuere deutsche Literatur) und Anglistik/Amerikanistik studiert hat. Seit mehr als dreißig Jahren arbeitet sie als Lektorin, seit 2012 unterstützt sie die Schreibwerkstatt im Lektorat.

 

Doreen Westphal lektoriert eine große Bandbreite an Texttypen. Ihr besonderes Interesse gilt der Belletristik: Vor dem Hintergrund von viel Erfahrung sowie Sachverstand und einem ausgeprägten Sprachgefühl lektoriert sie Erzählungen, Romane, Novellen, Märchen, Kurzgeschichten und vieles mehr und vermag auch ein umfassendes Textfeedback zu geben.

 

 

 Abbildungsnachweis: Buchcover, Aufbau Verlag