Wissenschaftlich Arbeiten mit dem digitalen Zettelkasten von Auratikum

Richard Ottinger mit einem Laptop in der Hand, auf dem, man Auratikum sieht
Richard Ottinger, Mitentwickler von "Auratikum"

Ich erinnere mich noch gut, wie ich in Studienzeiten stundenlang vor den Zettelkästen der Österreichischen Nationalbibliothek gestanden bin und Literatur gesucht habe. Die Literatur musste ich vor Ort bestellen und wenn ich sie dann endlich in Händen hatte, habe sie meist exzerpiert. Kopieren war damals nämlich teuer.

Heute ist das anders: Wir recherchieren online, scannen die Literatur und viele Studierende und WissenschaftlerInnen verwalten die Literatur mit digitalen Tools am PC. Damit ist es aber nicht getan, die Entwicklung geht weiter. Um ein neu entwickeltes Tool (ich möchte gar nicht wissen, wie viele Stunden in das Projekt geflossen sind!) geht es im heutigen Blogartikel, um Auratikum.

Auratikum und wie dieses Interview zustande gekommen ist

Über Facebook bin ich in Kontakt mit Richard Ottinger gekommen, der zusammen mit zwei Kollegen Auratikum entwickelt hat. Auratikum ist ein digitaler Zettelkasten, mit dem Studierende und WissenschaftlerInnen nicht nur ihre Literatur verwalten, sondern ihr gesamtes Schreibprojekt strukturieren können. 

 

Chaos bremst beim wissenschaftlichen Arbeiten, im schlimmsten Fall führt es sogar zu langwierigen Schreibblockaden. An diesem Punkt setzt Auratikum an, es unterstützt Studierende und WissenschaftlerInnen beim Ordnen ihrer Gedanken und ihrer Materialien. Seit dem neuesten Update können Sie übrigens auch Dateien in verschiedenen Formaten (zum Beispiel PDFs von Artikeln oder Büchern, Bilder als Jpg oder Png etc.) in Auratikum hochladen und verwalten. Auratikum unterstützt jetzt alle gängigen Dateiformate!

 

Nun aber los, hier das Interview mit Richard Ottinger, in dem Sie auch erfahren, wie sich Auratikum von gängigen Literaturverwaltungsprogrammen wie Citavi und Zotero unterscheidet. 

Wer steckt hinter Auratikum und welchen Ausbildungshintergrund habt ihr?

Auratikum wurde von David Eickhoff, Björn Wagner und mir, Richard Ottinger, entwickelt. David und Björn haben, nach dem Abschluss ihres Masters am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, vor fünf Jahren ihre eigene Firma Luvago in Berlin gegründet. Hier haben sie für verschiedene Kunden, wie etwa Redbull, Audibene, für die TU Berlin und andere individuelle Softwarelösungen umgesetzt – vom Konzept über das Design bis zur konkreten Programmierung.

 

Ich selbst habe einen Master in Germanistik und Katholischer Theologie und promoviere derzeit ich zu einem medienethischen Thema in Osnabrück. Davor sollte eigentlich ein Grundschullehrer aus mir werden. Dieser Plan liegt aber aktuell auf Eis …

Wann und wie ist die Idee zu Auratikum entstanden?

Produktivitätssteigernde Software fand ich schon immer super. Seit dem Verfassen meiner Masterarbeit und verstärkt seit dem Beginn meiner Promotion habe ich sehr viele Softwarelösungen rund um das Thema des wissenschaftlichen Arbeitens ausprobiert, war aber stets enttäuscht.

 

Entweder sie hatten so wenige Funktionen, dass sie nicht wirklich hilfreich für Studentinnen und Studenten oder Doktorandinnen und Doktoranden waren oder sie boten so viele Möglichkeiten, dass es beinahe eine eigene Literaturrecherche inklusive Einarbeitungszeit benötigte, um sie für sich nutzbar zu machen.

 

Dabei habe ich mich immer gefragt: Wer hat in seinem Alltag zwischen Publikationen, Lehrveranstaltungen, Lesezeiten und Schreibphasen noch Zeit oder Lust, sich in komplizierte Computerprogramme einzuarbeiten? Dieser Eindruck deckte sich auch mit Rückmeldungen, die ich bekam: Seit meinem Studium habe ich immer wieder von allen Seiten Klagen über bestehende Softwarelösungen für das wissenschaftliche Arbeiten oder ganz allgemein über das eigene Zettelchaos gehört.

 

Den konkreten Anstoß zur Entwicklung von Auratikum gab dann die Teilnahme an einer Tagung in Berlin Ende 2016: Hier benutzte ein Doktorand neben mir eine App auf seinem Mac, die sich an der Zettelkastenmethode von Niklas Luhmann orientierte. Die Software war mir neu und ich kannte auch Luhmanns Methode noch nicht. Also probierte ich die App zuhause gleich aus und war aber auch hier wieder enttäuscht: Sie benötigte eine lange Einarbeitungszeit, war nicht eingängig und nutzte auch nicht die aktuelle Webtechnik.

 

Das Spannende an dieser App war aber die Zettelkastenmethode, in die ich mich sofort einarbeitete. Eine DIN-A4-Seite mit spontanen Ideen und ein Anruf bei meinem alten Freund David, und ich saß im Januar 2017 auf dem ersten Workshop mit den Jungs von Luvago, damals noch unter dem Arbeitstitel „Zettelkasten-Software“.

Wie genau funktioniert Niklas Luhmanns Zettelkastenmethode?

Niklas Luhmann, einer der einflussreichsten deutschen Soziologen und Systemtheoretiker, schrieb Gedanken, Ideen oder Zitate auf kleine Zettel, versah diese mit Referenzen, Schlagworten, Querverbindungen und Nummern und konnte so jederzeit auch auf lange zurückliegende Einträge schnell zugreifen.

 

Sein Zettelkasten war jedoch viel mehr als ein Gefäß, in das er Gedanken ablegte. Das System entwickelte sich ganz natürlich zu einem Alter Ego, also zu einem Gesprächspartner oder einem zweiten Gehirn, das auf Zusammenhänge aufmerksam macht und Ideenanstöße gibt. Luhmanns System umfasste am Ende seines Lebens 90.000 Zettel und wird aktuell in Bielefeld ausgestellt. Ähnlich einem weisen Gegenüber, das zu Themen befragt werden kann, funktionierte sein Zettelkastensystem wie eine Art Innovationsmaschine.

Screenshot des Apps Auratikum
So sieht die Benutzeroberfläche von Auratikum aus.

Wie seid ihr auf den Namen Auratikum gekommen?

Im Rahmen meiner eigenen Forschungen habe ich mich lange mit Authentizität beschäftigt und bin in diesem Zusammenhang auf Walter Benjamins Aura-Begriff gestoßen. Aura im Sinne eines epiphanischen Moments, in dem es einfach Klick macht und sich eine zuvor verborgene Wahrheit erschließt, das fand ich als Arbeitsbegriff für meine Dis nur semi-tauglich. Aber als Namensinspiration für eine Applikation für Forschende, die nichts anderes macht, als diese Innovationsmomente hervorzubringen, war das absolut perfekt. Durch Hinzufügen des Wortes „Atrium“ für „Hauptraum“ ergab sich „Auratikum“. Dieser Name ruft in mir die Assoziation eines Gedächtnispalastes hervor.

Was waren die größten Hürden, die ihr bislang meistern musstet?

Als Geisteswissenschaftler Fachleuten aus der IT-Welt nahezubringen, was für Doktorandinnen und Doktoranden im Schreibprozess wichtig ist, stellt häufig eine große Herausforderung dar. Genauso war es umgekehrt für David und Björn anfangs eine Umstellung, Dinge erklären zu müssen, die in ihrem Arbeitsumfeld sonst alle sofort verstehen und kennen.

 

Diese Hürden sind aber gleichzeitig die spannendsten Momente, da man in eine völlig neue Welt schaut und dabei sehr viel lernt. Ich würde sagen, die Interdisziplinarität, bei Auratikum konkret die Kombination von digitalen Technologien und systemtheoretischer Methode, macht die Entwicklung, aber besonders das Produkt, gerade so spannend.

Ist Auratikum auch etwas für Menschen, die nicht wissenschaftlich schreiben? Ich denke zum Beispiel an Leute, die gerade ein Sachbuch schreiben und ihr Material übersichtlich sammeln und verwalten wollen.

Ganz klar ja. Die Zettelkastengemeinde ist größer, als wir am Anfang geschätzt haben, und die wenigsten davon sind Forscher. Die Zettelkastenmethode und damit besonders Auratikum richtet sich genauso an Menschen, die zum Beispiel journalistisch tätig sind, wie an solche, die Lehrstunden planen oder auch an solche, die einfach nur niemals aufhören wollen zu lernen.

Wie muss ich mir den Arbeitsprozess vorstellen? Also, wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Auratikum, wo man sein Material sammelt, und Word, dem Programm, in dem man schreibt?

Auratikum ist das Werkzeug für jegliche Form von wissenschaftlicher Arbeit. Es vereint die drei Elemente Archivierung, Strukturierung und Innovationsfindung innerhalb eines umfassenden Prozesses. Auratikum hat dementsprechend drei Teile:

  1. Das Archiv, in dem alle Gedanken, Ideen und Zitate auf Zetteln durch Details wie Schlagworte, Referenzen, Folgezettelangaben und Querverweise gesammelt und geordnet werden
  2. Die Gliederung, in die ganz einfach via Drag-and-Drop alle Zettel unter Überschriften und Unterüberschriften sortiert und die eigenen Gedanken übersichtlich angeordnet werden
  3. Die Schreibtisch-Funktion, in der die Gliederung überarbeitet und mit persönlichen Kommentaren versehen wird. Anschließend kann das Ergebnis in verschiedene Dateiformate exportiert werden (Word, LateX etc.) und dient folglich als persönlicher Schreibbegleiter bei der Erstellung des finalen Textes.

Besonders das Archiv und die darin enthaltene Suchfunktion helfen enorm dabei, Zusammenhänge zu erkennen, die vorher nicht offensichtlich waren. Die simple Sortierung innerhalb der Gliederung vereinfacht die Visualisierung von selbst sehr unübersichtlich wirkenden Inhalten. Nur durch Struktur, Ordnung, Übersicht und das intensive Durchdenken der eigenen Inhalte kann es zu jener Innovation kommen, die letztlich die Arbeit eines/einer jeden Forschenden definiert.

Kann man mit Auratikum auch Bilder sammeln bzw. verwalten?

Ja, seit dem neuesten Update unterstützt Auratikum endlich auch Anhänge. Das wünschen sich unsere Nutzerinnen und Nutzer seit dem Start. Jetzt können PDFs, Bilder etc. an die Referenzen angehängt und mit den eigenen Zetteln kombiniert werden.

Wodurch unterscheidet sich Auratikum von Literaturverwaltungs-programmen wie Citavi oder Zotero?

Drei Dinge unterscheiden uns deutlich von anderer Software:

  1. Die Arbeitsphilosophie: Die Zettelkastenmethode setzt deine Gedanken, deine Ideen und deine Zitate in den Vordergrund. Erst danach wird die Quelle notiert.
  2. Die Einfachheit: Auratikum ist selbsterklärend, keine Lektüre von langen Foreneinträgen, komplizierten Tutorials oder umständlichen Googleanfragen. Es ist doch noch etwas unklar? Schreib uns über unseren Chat. Wir antworten im Schnitt innerhalb von zwei Minuten. Björn ist da besonders streng ;-).
  3. Die Mobilität: Egal wo du bist oder welches Gerät du vor dir hast, solange es Internet und einen Browser hat, kannst du Auratikum benutzen. Log dich einfach wie bei Netflix ein und alle deine Daten, Gliederungen und Referenzen sind da. Keine nervige Installation, panische Backups oder umständliche manuelle Updates. Zusätzlich wird es bald für Android & iOS eine eigene App geben.

Wo steht ihr im Moment in der Entwicklung? Was ist für die Zukunft geplant?

Wir strotzen nur so vor Ideen. Im Laufe des Jahres wird Auratikum durch ein eigenes Dateisystem, einen Offlinemodus und einen Literaturpicker ergänzt sowie durch die Möglichkeit, direkt innerhalb der Applikation schreiben zu können. Darüber hinaus planen wir gerade mit einem Spezialisten aus dem Bereich Machinelearning die Verbesserung der Relevanzanzeige innerhalb des Zettelkastens.

 

Unsere Vision ist eine intelligente Wissensverwaltung, die jeder ein Leben lang pflegen möchte und die nicht nur Forschenden entscheidend hilft. Forschen und Lernen soll Spaß machen und nicht im Zettelchaos ersticken. Ich kann das gerne auch etwas pathetischer formulieren: Die Ressourcen der Welt sind endlich, die Kreativität und Neugierde des Menschen nicht. Das wollen wir mit Auratikum befeuern.

Infos zu Auratikum

Screenshot der Website von Auratikum

Auratikum gibt es in einer Free-Version und in einer kostenpflichtigen Version, die dann natürlich auch mehr bietet.

 

Wissenschaftsinstitutionen und größere Teams erhalten auf Nachfrage gern ein maßgeschneidertes Angebot.

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