Eigene Gedanken und die Angst vor einem Plagiat

Zum Umgang mit eigenen Ideen in deiner Hausarbeit, Bachelorarbeit, Masterarbeit oder Dissertation, ohne zu plagiieren

Verzweifeltes Mädchen vor Laptop. Bezeichnet: Angst vor einem Plagiat, wenn es um die eigenen Gedanken geht

 

Viele Studierende haben Angst, dass eigene Gedanken in ihrer Hausarbeit, Bachelorarbeit, Masterarbeit oder Dissertation als Plagiat eingestuft werden könnten, denn schließlich werden diese ja nicht eigens gekennzeichnet.

Die Sorge, eines Plagiats beschuldigt zu werden, hat auch Anonymous, die/der mir über die Aktion Frag Huberta! folgende Nachricht geschickt hat:

 

Grüß dich Huberta,

 

ich hätte da mal eine Frage bzgl. eigene Gedanken formulieren und sichtbar machen in einer wissenschaftlichen Arbeit. Immer wenn ich einen Absatz mit meinen eigenen Gedanken schreibe, fürchte ich, dass man denkt, das sei ein Plagiat, da ich hier ja nicht zitiere. Soll ich in irgendeiner Form denn kennzeichnen, dass das meine persönlichen Statements sind? Zum Beispiel, indem ich mit „Meine persönliche Auffassung dazu ist ...“ beginne?

 

Danke und lieben Gruß
Anonymous

Danke für deine Frage, liebe/-r Anonymous!

  

Generell ist es wichtig, klar zwischen deinen eigenen Ideen und den Gedanken, die du aus der Literatur übernimmst, zu unterscheiden. Tatsächlich ist es möglich, eigene Ideen explizit als solche zu kennzeichnen. Wenn du das aber ständig machst, liest sich deine Arbeit nicht gut. Abgesehen davon gilt in den meisten Fachbereichen nach wie vor das Ich-Tabu, weshalb du mit Formulierungen wie Meine persönliche Auffassung dazu ist oder auch Ich denke, Meiner Meinung nach, Aus meiner Sicht zurückhaltend sein solltest.

 

Die Rolle des Kontextes und der Umgang mit fremdem Wissen

Es ist nicht notwendig, jede eigene Meinung explizit zu kennzeichnen, solange aus dem Kontext hervorgeht, dass es sich um deine persönliche Analyse oder Interpretation handelt. Hinzu kommt, dass du alle Gedanken, bei denen du dich auf Literatur stützt, ja als solche belegst. Das heißt im Umkehrschluss: Alles, was du nicht belegst, sind deine eigenen Gedanken (oder es handelt sich um Allgemeinwissen deines Fachs).


Wesentlich ist, dass deine Gedanken, deine Argumentation, deine Schlussfolgerungen gut begründet und im Kontext der wissenschaftlichen Diskussion deines Fachbereichs verankert sind.

 

Deine kritische Auseinandersetzung mit der Literatur

Das bedeutet, dass du deine Sichtweise nur vor dem Hintergrund der Literatur darlegst. Du arbeitest mit der Literatur, du rollst verschiedene Sichtweisen auf, du nimmst darauf Bezug, du diskutierst und vergleichst sie und ziehst daraus eigene Schlüsse. Dabei ist es wesentlich, dass du die verschiedenen Perspektiven nicht nur zusammenfasst, sondern dich aktiv in die Diskussion einbringst, indem du die Literatur kritisch bewertest und ihre Relevanz für deine eigene Forschungsfrage herausarbeitest.

 

Deine Überlegungen haben im besten Fall das Potenzial, deinen Fachbereich voranzubringen, etwa indem du einen Punkt kritisch hinterfragst, eine neue Sichtweise auf Altbekanntes oder vielleicht sogar neue Erkenntnisse hast. 

 

Ich hoffe, das hilft dir, liebe/-r Anonymous!

 

Drei Tipps zum Schluss (der dritte liegt mir besonders am Herzen)

1 Schlüpfe in die Rolle deiner Leserinnen und Leser.

Schau dir deinen Text aus der Perspektive deiner Leserinnen und Leser an. Wird aus dem Kontext klar, wo deine eigenen Gedanken beginnen und wo du dich auf Quellen beziehst? Wenn ja, dann hast du einen guten Job gemacht. 

 

2 Hole dir ein Feedback.

Wenn du dir dann nach wie vor unsicher bist, ob der Unterschied zwischen deinen Gedanken und den zitierten Informationen klar oder auch klar genug ist, könntest du auch mal jemand anders deinen Text lesen lassen und um ein Feedback bitten. Manchmal hilft eine externe Perspektive, um zu erkennen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Auch in meiner Facebookgruppe zum wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben kannst du gern eine Textpassage posten und um ein Feedback bitten.

 

3 Schau, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Gedanken deutlich machen.

Nimm einmal zwei, drei wissenschaftliche Aufsätze zur Hand und markiere mit einem Leuchtstift alle Passagen, bei denen dir klar ist, dass sie von der Autorin oder dem Autor selbst stammen. Und dann schau mal, wie bzw. wodurch das klar wird. Klingt mühsam? Ja, vielleicht. Aber wenn du dich ständig mit Unsicherheiten quälst, ist das noch mühsamer und vor allem belastend. Durch Abschauen kannst du viel lernen, ein Weg des Lernens, den Studierende oft unterschätzen. Orientiere dich dabei bitte nicht an anderen Hausarbeiten, Bachelorarbeiten oder Masterarbeiten, sondern an Aufsätzen in renommierten Zeitschriften deines Faches, am besten solchen, die ein sogenanntes Peer-Review, also ein Begutachtungsverfahren, durchlaufen haben. Du wirst sehen: Das zahlt sich aus!

 

Wenn du zum ersten Mal hier in meinem Blog gelandet bist, dann lies weiter!

Ich finde es nämlich wichtig, dass du weißt, wer hier schreibt.

Huberta Weigl

Mein Name ist Huberta Weigl. Ich habe selbst zwei Studien absolviert, promoviert, sehr viel universitäre Lehrerfahrung, jede Menge publiziert und 2021 mit meiner 1000 Seiten starken Publikation über den Barockbaumeister Jakob Prandtauer den Würdigungspreis für Wissenschaft des Landes Niederösterreich gewonnen. Vor dem Hintergrund all dieser Erfahrung unterstütze ich Studierende beim wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben, und zwar auf verschiedene Weise: in Form von Coachings, Workshops und Schreibgruppen. Außerdem kannst du deine Uni- oder FH-Arbeit in der Schreibwerkstatt lektorieren lassen. Ich habe zwei sehr gute Lektorinnen in meinem Team, die auf Wissenschaftslektorate spezialisiert sind.

 

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Abbildungsnachweis (Bild oben): Shutterstock.com, Bildnummer 409306021, puhhha