Günstige Preise im Lektorat

Laptop vor einer weißen Wand mit einem Sparschwein. Text: Was bedeutet ein günstiger Preis im Lektorat

 

Wie viel darf ein Lektorat kosten? Was ist ein billiges Lektorat? Wie günstig darf ein Lektorat sein? Fragen wie diese haben unlängst wieder einmal eine Facebookgruppe beschäftigt, in der sowohl Lektorinnen und Lektoren als auch Auftraggeberinnen und Auftraggeber Mitglied sind. Anlass war der Post einer Lektorin, die auf ihr Angebot mit dem Hinweis aufmerksam gemacht hat, bei ihr würde die Korrektur einer Seite einen Euro kosten.

Der Kampf um Kundinnen und Kunden über den Preis

Eigenwerbung mit Ab-Preisen von einem oder zwei Euro pro Seite sind in Facebookgruppen, in denen sich Lektorinnen und Lektoren sowie vor allem Selfpublisherinnen und Selfpublisher, aber auch Studierende tummeln, keine Seltenheit und immer wieder gehen die Wogen seitens mancher Lektorinnen und Lektoren hoch, wenn von derartig niedrigen Preisen die Rede ist. Denn eines möchte ich vorwegschicken: Ein oder zwei Euro pro (Norm-)Seite sind für die Korrektur eines Textes extrem wenig Geld.

Was also ist von solchen Preisen zu halten? Wie billig darf ein Lektorat sein? Was sagt ein günstiger Preis über die Qualität des Lektorats aus? Um Fragen wie diese soll es im Folgenden gehen, und zwar aus der Sicht einer Unternehmerin, die seit inzwischen neun Jahren, unterstützt von zwei erfahrenen Lektorinnen, Lektorat anbietet.

Leistungsumfang: Korrektorat oder Lektorat?

Bevor ich auf die Preise zu sprechen komme, möchte ich zunächst einmal deutlich machen, dass Lektorat und Korrektorat unterschiedlich definiert werden.

In der Schreibwerkstatt bieten wir sowohl ein Korrektorat als auch ein Lektorat an. Bei einem Korrektorat korrigieren wir Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung, achten auf einheitliche Schreibweisen sowie korrektes Gendern und machen (sofern es sich um ein druckfertiges PDF handelt) eine Layoutkontrolle, polieren den Text aber nicht stilistisch.

 

Ein Lektorat beinhaltet bei uns immer ein Korrektorat. Zusätzlich zu den angeführten Punkten überarbeiten wir bei einem Lektorat den Text auch stilistisch, kürzen also Mammutsätze, entwirren Schachtelsätze etc. und greifen, sofern es sich nicht um eine Uni-Arbeit (Bachelorarbeit, Masterarbeit, Dissertation) handelt, nach Rücksprache mit der Kundin bzw. dem Kunden durchaus auch inhaltlich und in den Aufbau ein.

Mit unserer Definition von „Korrektorat“ und „Lektorat“ sind wir nicht allein, allerdings gibt es, vor allem im Literaturbereich, auch Anbieterinnen und Anbieter, die unter einem Lektorat ausschließlich eine stilistische sowie inhaltliche Überarbeitung des Textes verstehen. Manche von ihnen sind der Meinung, dass ein und dieselbe Person gar nicht beides, also Lektorat und Korrektorat, leisten könnte, und sehen sich von daher auch entweder als Lektorin bzw. Lektor oder als Korrektor bzw. Korrektorin.

Die Normseite als Bezugsgröße für die Kalkulation

Laptop vor einer weißen Wand mit einem blauen Sparschwein

Lektorinnen und Lektoren sowie Korrektorinnen und Korrektoren brauchen eine Bezugsgröße, wenn sie einen Preis für eine bestimmte Textmenge anbieten. Sie kalkulieren oft auf der Basis von Normseiten, wobei die Definition von Normseite variiert. Bei uns entspricht eine Normseite 1 500 Zeichen inkl. Leerzeichen, bei anderen umfasst eine Normseite 1 600 oder auch 1 800 Zeichen inkl. Leerzeichen.

Manche legen auch Angebote auf der Basis einer Stundenabschätzung. Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn es um die Korrektur eines PDFs geht und sich die Zeichenzahl nicht oder nur schwer ermitteln lässt. Am Ende läuft es auf dasselbe hinaus, denn auch einer Kalkulation auf Basis von Normseiten sollte zumindest gedanklich ein klare Vorstellung des Stundensatzes zugrunde liegen – die Betonung liegt auf „sollte“, denn die Realität sieht anders aus.

 

Kommen wir aber nun zu der Frage, die die Gemüter in der Facebookgruppe erhitzt hat:

Darf ein Korrektorat oder Lektorat ein oder zwei Euro pro Normseite kosten?

Natürlich! Jede Lektorin bzw. jeder Lektor ist in der Preisgestaltung frei. Also, auch wenn die Wogen in der Facebookgruppe hoch gingen, ist klar: Jede/-r hat das Recht, zu niedrigen Preisen zu arbeiten.

Die Voraussetzungen, um zu niedrigen Preisen arbeiten zu können

Wer freilich zu ungewöhnlich niedrigen Preisen arbeitet, ist entweder nicht auf dieses Einkommen angewiesen oder ein Neuling und hofft, über sehr günstige Honorare den Einstieg in den Markt zu finden. Meiner Meinung nach keine gute Idee!

1 Nebenberufliche Lektorinnen und Lektoren

Manche Lektorinnen und Lektoren bessern über ihre Arbeit die Haushaltskasse ein wenig auf oder sind eigentlich Studentin bzw. Student und möchten ein Zusatzeinkommen erwirtschaften. Vor diesem Hintergrund können sie natürlich niedrigere Honorare anbieten als jemand, der ein volles Gehalt stemmen muss.

 

Da die nebenberuflichen Lektorinnen und Lektoren einen geringen Umsatz haben, sind sie nicht umsatzsteuerpflichtig und zahlen auch weniger oder gar keine Einkommenssteuer.

Österreich

Bei uns (und in Deutschland ist es nicht viel anders)

  • besteht ab einem Jahresumsatz von 35 000 Euro Umsatzsteuerpflicht; bei einem niedrigeren Umsatz kann man selbst entscheiden, ob man die Umsatzsteuer einführt oder nicht. Ich selbst bin mit der Schreibwerkstatt umsatzsteuerpflichtig.
  • besteht Sozialversicherungspflicht ab einem monatlichen Einkommen von 450 Euro bzw. einem Jahreseinkommen von 5 400 Euro (detaillierte Informationen findest du auf der Website der SVS). Das heißt: Wer eine dieser beiden Grenzen überschreitet, muss auch Sozialversicherungsabgaben (Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung) in Höhe von rund 25 % vom Gewinn zahlen. Ist das aus Sicht der Lektorin bzw. des Lektors gut oder schlecht? Das kommt auf ihre/seine Lebenssituation an. Für mein Team und mich ist es wichtig, kranken-, unfall- und pensionsversichert zu sein.

2 Hauptberufliche Lektorinnen und Lektoren

Wer hauptberuflich vom Korrekturlesen leben will, tut gut daran, seine Selbstständigkeit einmal durchzurechnen (Anleitungen dazu gibt es unter dem Schlagwort "Businessplan" im Web jede Menge). Im ersten Schritt ist es dabei sinnvoll, einmal die Lebenshaltungskosten auszurechnen.

Also, wie viel Geld muss ich pro Monat zahlen, um mich und/oder meine Familie erhalten zu können? Möchte ich auch auf Urlaub fahren? Wenn ja, wie viel Geld benötige ich dafür? Wie viel Geld möchte ich für den Notfall ansparen? Wer selbstständig ist, hat bekanntlich in der Regel kein Sicherheitsnetz. Wenn man krank ist oder einen Unfall hat und nicht arbeiten kann, wird man, anders als Angestellte, nicht vom Staat aufgefangen.

 

Ausgehend von den Kosten kann man sich mit der Stundensatzkalkulation befassen. Dabei ist zunächst einmal zu klären, wie hoch die verrechenbaren und die nicht verrechenbaren Stunden sind. Nicht verrechenbare Stunden sind Stunden, denen nicht 1:1 ein Einkommen gegenübersteht. In der Zeit, in der ich diesen Blogartikel schreibe, verdiene ich nichts. Der Zeit, die ich investiere, steht kein Einkommen gegenüber. Das ist auch bei meinen übrigen Marketingaktivitäten so (Website pflegen, Newsletter schreiben, Facebookseite betreuen), aber auch beim Erledigen der Buchhaltung, beim Netzwerken etc.

 

Von 40 Arbeitsstunden pro Woche sind bei einer bzw. einem Selbstständigen also selbst bei voller Auslastung längst nicht alle verrechenbar. Oder anders gesagt: Wenn ich 40 Stunden arbeite, verdiene ich nicht für 40 Stunden Geld. Im verrechneten Stundensatz müssen also immer auch die nicht verrechenbaren Stunden inkludiert sein.

 

Das bedeutet: Wer die Tätigkeit als Lektorin bzw. Lektor als Beruf betrachtet, sollte sein Business einmal durchrechnen und herausfinden, wie hoch ihr/sein Stundensatz sein muss, um davon leben zu können. Wer das nicht macht, verschließt die Augen vor der Realität und wird mit seiner Arbeit finanziell nie auf einen grünen Zweig kommen.

Stundensätze und Seitenpreise im Lektorat

Laptop vor einer weißen Wand mit einem gelben Sparschwein

Wer rechnet, wird rasch feststellen, dass er, sofern er von seiner Arbeit leben will, bei einem Stundensatz vor Steuer und Sozialversicherungsabgaben von mindestens 40 Euro landet.

Was aber bedeutet das für den Preis pro Normseite? Eine Normseite umfasst zwischen 1 500 und 1 800 Zeichen inkl. Leerzeichen. Abhängig von der Definition der Textmenge pro Normseite und der Qualität des Textes kann eine Lektorin bzw. ein Lektor selten mehr als zehn bis zwölf Normseiten pro Stunde lesen.

 

Wenn nun der Normseitenpreis zwei Euro beträgt und der Korrekturaufwand niedrig ist, verdient die Lektorin bzw. der Lektor also maximal 24 Euro pro Stunde. Macht sie bzw. er das in Österreich hauptberuflich, bleiben ihr bzw. ihm davon nach Steuer und Sozialversicherungsabgaben ca. 12 bis 14 Euro pro Stunde  – und das ist zu wenig, um davon einigermaßen leben zu können. Siehe dazu auch die Hinweise von Mathias Stolarz, der Lektor ist und auf dessen Website du detaillierte Rechenbeispiele findest (Leseempfehlung!).

Unsere Preise

Wir arbeiten für Unternehmen zu einem Stundensatz von 70 Euro zuzüglich 20 % USt. Privatpersonen kommen wir mit 60 Euro zuzüglich 20 % USt. ein wenig entgegen.

 

Unsere Normseitenpreise sehen so aus: 

  • Korrektorat: ab 4,50 EUR netto bzw. 5,40 EUR brutto pro 1 500 Zeichen inkl. Leerzeichen
  • Lektorat: ab 5,50 EUR netto bzw. 6,60 EUR brutto pro 1 500 Zeichen inkl. Leerzeichen
  • Belletristik-Lektorat inkl. Textfeedback: ab 7 EUR netto bzw. 8,40 EUR brutto pro 1 500 Zeichen inkl. Leerzeichen

 

Unsere Honorar sind nicht günstig. Meine Lektorinnen sind Profis, liefern Qualität, und das hat seinen Preis. Wir machen auch kein Geheimnis um unsere Preise, sondern kommunizieren sie ganz klar auf der Website


Was bedeutet das alles nun für dich als Kundin bzw. Kunde?

Ist ein günstiges Lektorat schlechter?

Die Erfahrung der Lektorin bzw. des Lektors

Schau dir an, mit wem du zusammenarbeiten möchtest, und überlege dir, ob die Erfahrung der Lektorin bzw. des Lektors für dich eine Rolle spielt.

Die Qualität des Lektorats

Hab im Auge, dass ein günstiger Preis ein Hinweis auf die Erfahrung und damit auch die Qualität der Lektorin bzw. des Lektors sein kann. Wer nebenberuflich lektoriert, hat möglicherweise weniger Erfahrung als jemand, der das hauptberuflich macht. Für den Beruf der Lektorin bzw. des Lektors gibt es keine gezielte Ausbildung und es gibt auch keine Zulassungsbeschränkungen. Jede/-r die/der mag, kann sich als Lektorin bzw. als Lektor bezeichnen und ihre/seine Dienstleistung anbieten. Wer nebenberuflich als Lektorin bzw. als Lektor tätig ist, hat manchmal übrigens auch weniger Zeit, weil sie/er noch einen Brotberuf hat. Das kann bedeuten, dass das Lektorat länger dauert.

Die Auftragslage

Hab im Auge, dass die Auftragslage mancher Lektorinnen und Lektoren sehr schlecht ist. Sie arbeiten deshalb zu niedrigen Preisen, und um dann trotzdem halbwegs ein Einkommen zu erwirtschaften, arbeiten sie auf Tempo. Das wiederum hat in der Regel einen Einfluss auf die Qualität. Ein gutes Lektorat braucht Zeit, und wer präzise arbeitet, wird den Text auch mindestens zweimal lesen.

 

Die schlechte Auftragslage und die damit verbundene existenzielle Not führen übrigens manchmal auch dazu, dass Lektorinnen bzw. Lektoren schlichtweg jeden Auftrag annehmen, also auch Textsorten lesen, für die sie nicht die notwendige Kompetenz mitbringen. So braucht es etwa spezielle Kompetenzen, wenn man wissenschaftliche Arbeiten (Bachelorarbeit, Masterarbeit bzw. Diplomarbeit, Dissertation) lektoriert; nicht anders ist es beim Lektorat eines Romans, wo es um Plot, Erzählhaltung, Figurengestaltung, Schauplätze, Tempusformen und anderes geht.

Erwartungen an das Lektorat

Überlege dir vorab genau, was du dir erwartest. Geht es um ein Lektorat oder um ein Korrektorat? Wie sieht der genaue Leistungsumfang aus? Ich selbst bin immer dankbar, wenn mir Kundinnen und Kunden klar aussprechen, was sie sich wünschen, denn dann kann ich mit meinem Team darauf reagieren und sagen, was wir alles tun können und was nicht.

Mein Rat an die Billiganbieter/-innen im Lektorat

Laptop vor einer weißen Wand mit einem roten Sparschwein

Rechnet! Kalkuliert euer Business bitte einmal durch. Und wenn das Korrekturlesen für euch nicht nur ein Hobby ist, arbeitet mit Normseitenpreisen bzw. Stundensätzen, von denen ihr leben könnt. Dann macht die Arbeit auch mehr Spaß!

Und: Kümmert euch um euer Marketing. Viele Lektorinnen und Lektoren haben keine vernünftige Website. Manche haben zwar eine Website, befassen sich aber kaum mit Marketing: Die Wege zum Kunden sind heute dank Facebook, YouTube & Co. unglaublich vielfältig! Liefert eurer Zielgruppe qualitätvolle Inhalte auf den verschiedenen Kanälen, dann werden sie, wenn ihr gute Arbeit leistet, auch bei euch kaufen – und zwar zu einem Preis, von dem ihr leben könnt.

Fotos: Shutterstock.com, Bildnr. 665160991, FabrikaSimf

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